Leitartikel
Blessuren in Wolfsburg

Noch ist nicht entschieden, auf welchem Weg der Bruderkampf zwischen den Betriebsräten von VW und Porsche um die Besetzung der Aufsichtsratssitze einer neuen Porsche-Holding endet.
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Das Stuttgarter Arbeitsgericht oder ein Machtwort des VW-Aufsichtsratschefs Ferdinand Piëch können den Ausschlag geben. Klar ist aber, dass die Arbeitnehmervertreter von VW verlieren. Denn rechtlich spricht nichts gegen den Vertrag, der dem Porsche-Betriebsrat die Arbeitnehmerbank zuschlägt.

Die Konsequenz: Das Parademodell der Mitbestimmung bei VW trägt nach den Bestechungsskandalen der Vergangenheit weitere Blessuren davon. Die Autorität von Betriebsratschef Bernd Osterloh als Verhandlungsführer wird geschwächt, selbst wenn er noch einen Kompromiss erreicht. Wendelin Wiedeking und VW-Chef Martin Winterkorn haben es in Zukunft mit weniger mächtigen Wolfsburger Betriebsräten zu tun. Das kommt ihnen zupass. Denn bei allen Erfolgen wie dem Absatzplus von zwölf Prozent im August: Um Toyotas Messlatte zu überspringen und bis 2015 weltgrößter Autobauer zu werden, muss VW die Arbeitskosten senken.

Wiedeking sammelt derweil die Mehrheit der VW-Aktien ein. Sollte der Europäische Gerichtshof mit seinem Urteil im Oktober wie erwartet die Machtbremse VW-Gesetz aushebeln, ist für Porsche und Piëch der Weg zur totalen Kontrolle frei. Der Porsche-Chef muss sich in der neu entstehenden Holding nur mit der eigenen, auf Turbo-Kurs getrimmten Betriebsratsriege um Uwe Hück auseinandersetzen. Als Lohn winkt dem der Posten des stellvertretenden Aufsichtsratschefs. Statt Osterloh beizuspringen, haut der passionierte Thai-Boxer Hück seinem Pendant auf den Schädel.

Verlierer sind die VW-Mitarbeiter, welche die Folgen des Zwistes noch zu spüren bekommen werden. Wiedeking ist es nicht nur gelungen, das ungeliebte Wolfsburger System von seiner neuen Holding fernzuhalten. Er hat auch bei VW das Machtinstrument Mitbestimmung entscheidend geschwächt. Die Stuttgarter Cleverles fühlen sich bestätigt in ihrem Hausmythos vom David, der über Goliath triumphiert. Nicht einmal im Vorstand der Holding soll VW sitzen, verkündet Porsches Finanzchef Holger Härter.

Zwei Erklärungen für Osterlohs spätes Erwachen sind möglich, und beide sind für den Gesamtbetriebsratschef des fünftgrößten Autoherstellers der Welt blamabel: Entweder hat er übersehen, welche Folgen die Eingliederung von VW unter das Dach einer neuen Porsche-Holding hat, dann boxt er blind. Oder er hat sich auf Absprachen mit Hück, Wiedeking und Piëch verlassen, wie sie früher für das Wolfsburger Konsenssystem typisch waren. In dem Fall steht er als naiver Verlierer da, der die neue, härtere Gangart nicht rechtzeitig erkannt hat. Sein Argument, 12 000 Porsche-Mitarbeiter dürften nicht 324 000 VWler dominieren, ist ein moralisches ohne machtpolitische Folgen.

Und die IG Metall? Der neue starke Mann Berthold Huber war an den Verhandlungen ebenso beteiligt wie weitere Gewerkschafter. Statt klar Stellung zu beziehen, versucht der IG-Metall-Vorstand, den Riss durch das eigene Lager und die Schwächung des VW-Betriebsrats zu verdecken. Wirklich helfen wird ihm das nicht.

Mark C. Schneider
Mark C. Schneider
Handelsblatt / Redakteur

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