Leitartikel
Brisante Geschäfte

Der mögliche Einstieg einer russischen Staatsbank als Aktionär des europäischen Flugzeug- und Rüstungskonzerns EADS hat etwas Elektrisierendes. Sind wir nur 15 Jahre nach dem Ende der Sowjetunion schon so weit, dass der frühere Hauptgegner zum gleichberechtigten Partner in einer Industrie werden kann, die eine politisch-strategische Bedeutung hat wie keine andere?

Wer die Fakten nüchtern betrachtet, stellt fest: Die wirtschaftliche Verflechtung ist dem öffentlichen Bewusstsein wieder einmal ein gutes Stück voraus. Mit der ehemaligen Supermacht, der vor einigen Jahren nicht einmal Heimcomputer geliefert werden durften, ist eine Kooperation in Form einer echten Zweibahnstraße angelaufen. Russische Unternehmen drängen in die westlichen Märkte, in denen sie mit eigener wirtschaftlicher Stärke aufwarten können. Das sind die Energiebranche und die Schwerindustrie – die Vorstöße von Gazprom und Severstal lassen grüßen. Es ist aber auch der Rüstungsbereich. Je länger das Land von der Energiepreishausse profitiert, umso drängender wird die Suche nach guten Investments im Ausland.

EADS selber versucht, den russischen Markt zu erschließen. Die Westeuropäer nutzen schon heute russisches Know-how, hoffen darauf, mit Hilfe der dortigen Ingenieure eigene Engpässe überwinden zu können. Zuletzt hat sich EADS sogar an einem russischen Kampfflugzeugbauer beteiligt. Was in der jüngsten Vergangenheit bestenfalls bruchstückhaft wahrgenommen wurde, setzt sich nun zu einem neuen Bild einer zielstrebigen europäisch-russischen Rüstungskooperation zusammen. Selbst EADS als börsennotiertes Unternehmen, das seinen Streubesitz vergrößern will, steht russischen Aktionären in dieser Logik offen. Ein ganz normales Geschäft also? Ja, solange wir über Beteiligungen reden, die unterhalb der strategischen Einflussnahme bleiben. Aus gutem Grund hat die Bundesregierung sie in der vergangenen Legislaturperiode, als der Verkauf des Marineausrüsters HDW anstand, bei der Sperrminorität von 25 Prozent verortet. Wenn die erreicht ist – wird aus einer unternehmerischen eine politische Frage.

Zu Alarmismus besteht kein Anlass, zur Blauäugigkeit allerdings auch nicht. Der Aufbau einer europäischen Rüstungsindustrie ist ein Schlüsselelement der Außen- und Sicherheitspolitik, und trotz aller Annäherung muss man feststellen, dass Russland weder die Heimstatt lupenreiner Demokraten ist noch die Standards eines EU-Mitglieds erfüllt. Präsident Wladimir Putin weiß nur zu gut, warum er seinerseits dem Westen gerade keinen strategischen Einfluss auf den russischen Energiesektor erlaubt.

Schon unterhalb der genannten Schwelle kann es zu Komplikationen kommen. Die USA, immer noch unser wichtigster Sicherheitspartner, sehen die russischen Rüstungsexporte mit scheelen Augen. Die Aufrüstung Irans mit modernen Flugabwehrraketen ist nicht das, was Washington sich unter einer energischen Eindämmungspolitik vorstellt. Es kann der



Moment kommen, in dem EADS für eine weitgehende Verbindung mit der Ex-Supermacht im Osten einen Preis in den Vereinigten Staaten bezahlen muss, wo der Konzern gerade mühevoll expandiert.

Thomas Hanke
Thomas Hanke
Handelsblatt / Korrespondent in Paris
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