Leitartikel
Bushs späte Energiewende

"Weg vom Öl“ rief George W. Bush seinen Landsleuten bereits Anfang des Jahres zu. Er sprach von einer „Ölsucht“ der Amerikaner. Und jetzt, vor seiner Reise nach Deutschland und zum G8-Gipfel in Russland, erneuert er diese These.

Die USA sollen sich der Kernenergie zuwenden und auch andere Alternativen entwickeln. Der US-Präsident reagiert damit auf zweierlei: auf den rasanten Anstieg der Ölpreise und auf die bislang gescheiterten Versuche, den Ölverbrauch zu bremsen.

Diese Richtung stimmt. Denn es gibt keine andere Volkswirtschaft, die derart viel Öl nachfragt. Die USA stellen fünf Prozent der Weltbevölkerung, verbrauchen jährlich aber ein Viertel der weltweiten Ölproduktion. Und obwohl die Ölpreise bereits seit Jahren klettern, will die US-Wirtschaft von der Droge nicht lassen. So verbrauchen die Autos in den USA nach wie vor zu viel Sprit, und auch die amerikanische Industrie weigert sich, spürbar Öl zu sparen.

Fragt man die US-Bürger nach ihren aktuellen Sorgen, nennen sie zuallererst die Spritpreise. Und die Politik reagiert populistisch. Vor den Kongresswahlen im Herbst wird gar über eine milliardenschwere Kompensation für die gebeutelten Autofahrer nachgedacht. Doch genau das wäre der falsche Weg. Denn der Ölpreis ist immer noch nicht hoch genug, um das Verhalten der Verbraucher grundlegend zu ändern und Alternativen attraktiv zu machen.

Alternativen, die allerdings gar nicht so schnell abrufbar sind. Nur 20 Prozent der US-Energie werden heute durch Kernkraft erzeugt. Selbst wenn die USA nun neue Meiler bauen, was seit 30 Jahren nicht mehr der Fall war, bleibt dies ein Langzeitprojekt. Der Ölverbrauch in den USA wird zunächst sogar weiter steigen. Daran wird auch die durchaus viel versprechende Ethanol-Technik nichts ändern.

Die USA bleiben also von ausländischen Öllieferanten abhängig. Und diese haben als Folge der hohen Preise an politischer Macht gewonnen. Ob der Venezolaner Chávez, der Bolivianer Morales oder der Iraner Ahmadinedschad – alle haben etwas gemeinsam: Ohne die Petrodollar könnten sie nicht ihre aggressive Politik verfolgen.

Ähnliches gilt für Russlands Putin. Dieser hat die letzten sechs Jahre intensiv darauf verwendet, die staatliche Kontrolle über den Energiesektor zurückzugewinnen. Und im Streit mit der Ukraine hat er das Energiemonopol auch, ohne zu zögern, als politisches Druckmittel eingesetzt. Mit Putin sitzt beim G8-Gipfel deshalb auch das Ölkartell mit am Tisch.

Es geht also nicht allein um die Frage, zu welchem Preis Öl und Gas gehandelt werden und wie frei sie verfügbar sind. Es geht auch darum, wer sie kontrolliert. 77 Prozent der weltweiten Energievorkommen befinden sich in staatlicher Hand. Die Preisfindung auf dem Ölmarkt folgte zwar noch nie dem freien Spiel der Kräfte. Doch so massiv wie heute war die staatliche Intervention schon lange nicht mehr zu spüren. Die Möglichkeiten des Westens, darauf Einfluss zu nehmen, sind begrenzt – auf Grund seiner eigenen Abhängigkeit und wegen der politischen Eigendynamik in den Lieferländern. Die eigentliche Herausforderung an die G8 – oder besser G7 – besteht folglich darin, die eigene Energieagenda zu reformieren.

Markus Ziener ist Korrespondent in Washington.
Markus Ziener
Handelsblatt / Korrespondent
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%