Leitartikel
Der ärgerliche Prozess

Jetzt fängt das wieder an: Dicke Schriftstücke werden verlesen, die Anwälte probieren die ersten kleinen Kniffe, die Angeklagten schauen zuversichtlich, und die Medien lauschen begierig. Willkommen bei der nächsten Runde des Mannesmann-Prozesses.

Wie auch immer das Verfahren ausgeht, schon jetzt ist abzusehen, dass ein schaler Nachgeschmack bleiben wird. Freisprüche würden all jene bestärken, die glauben, dass unsere Justiz den Mächtigen letztlich doch nicht auf die Finger haut. Harte Urteile hingegen würden den Eindruck erwecken, dass Leute aus einer unklaren Rechtslage heraus zu Sündenböcken gestempelt werden. Es handelt sich daher in jedem Fall um einen ärgerlichen Prozess.

Das Verfahren macht deutlich, wie schwer sich unsere Justiz mit dem modernen Wirtschaftsleben tut. Die ungeheuren Geldsummen, die komplizierten und wechselnden Interessenlagen während einer laufenden Fusion wie damals zwischen Mannesmann und Vodafone – dafür sind unsere Gesetze nicht gemacht, und dafür fehlt über weite Strecken eine geeignete Rechtsprechung. Oder sogar die geeigneten Richter? Unseren Juristen, das zeigt sich auch in anderen Gebieten wie etwa dem Kapitalanlagebetrug, fällt es oft schwer, ihre erlernte Dogmatik auf komplizierte wirtschaftliche Zusammenhänge zu übertragen.

Wer nun voll Sehnsucht in Richtung USA schaut, unterliegt aber wohl einer Täuschung. Jenseits des Atlantiks wäre der „Fall Mannesmann“ wahrscheinlich gar keiner geworden. Das ist richtig. Das liegt aber vor allem daran, dass dort Abfindungen mit viel höheren Summen an der Tagesordnung sind. Zweistellige Millionenbeträge regen daher niemanden so schnell auf wie bei uns. Das angelsächsische Recht ist häufig sicher auch flexibler als das deutsche, weil mehr im Ermessen der Richter liegt und weniger gesetzliche Bindungen bestehen.

Aber dieses System ist auch unberechenbar und teuer: Es gibt eine Vielzahl von Anwälten in den USA. Und der New Yorker Staatsanwalt Eliot Spitzer hat sehr publikumswirksam einen Sektor der Finanzbranche nach dem anderen durchleuchtet und relativ gängige Geschäftspraktiken plötzlich für illegal erklärt. Die Banken und Versicherer, die deswegen hohe Vergleichssummen gezahlt haben, werden das US-System sicher nicht in den höchsten Tönen loben.

Justiz und Wirtschaft sind also zwei Welten, die schnell miteinander in Konflikt geraten. Die deutschen Juristen und der Gesetzgeber müssen umso mehr darauf achten, dass unser System Schritt hält mit der Entwicklung der Wirtschaft. Aber unsere Führungskräfte sollten nicht nur mit dem Finger auf den Staat und seine Beamten zeigen. Wo die Justiz an ihre Grenzen stößt, ist die Moral gefragt. Und schon in der Antike galt „Mäßigung“ als eine hohe Tugend.

Vielleicht sollte der Mannesmann-Prozess daher Anlass geben, sich wieder auf ganz altmodische Werte zu besinnen. Gerade wer hin und wieder schmerzliche Entscheidungen fällen und vertreten muss, tut sich leichter, wenn er persönlich ein untadeliges Profil zeigt. Die meisten Manager und Unternehmer in Deutschland wissen das – zum Glück. Der moderne Kapitalismus erzwingt keine Gier. Er bietet dafür nur eine bequeme Ausrede.

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