Leitartikel
Der Preis des Booms

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Das war’s wohl. Seit gestern ist der lange Boom im Investment-Banking offiziell zu Ende. Nach den Schreckensnachrichten der Schweizer UBS und des US-Riesen Citigroup dürfte auch Optimisten klar sein, dass die Branche einen Wendepunkt erreicht hat. Die Kreditkrise wird an den Kapitalmärkten tiefe Wunden schlagen, die lange nicht verheilen werden. Vier Milliarden Franken haben die Schweizer vor allem mit riskanten Geschäften am Markt für zweitklassige US-Hypotheken in den Sand gesetzt. 1 500 UBS-Banker müssen sich nach einem neuen Job umsehen. Die Citigroup wird im dritten Quartal 60 Prozent weniger verdienen als im Vorjahr. Das sind Zahlen, die vielen in den Finanzzentren kalte Schauer über den Rücken jagen werden. Zu Recht. Denn UBS und Citigroup werden keine Einzelfälle bleiben. Auch andere Banken werden kleinlaut milliardenschwere Altlasten präsentieren mit genauso hässlichen Folgen. Aber das dürfte nur der Beginn des Abschwungs sein. Wenn nach einigen Monaten die Bilanzen aufgeräumt sind, werden die Banken feststellen, dass Geschäfte, die jahrelang Milliarden in die Kassen spülten, dauerhaft auf kleinerer Flamme gekocht werden. Das gilt für die Beratung und Finanzierung von Übernahmen, vor allem aber für den Billionenmarkt für verbriefte Darlehen und Kreditderivate.

Die Experten erwarten, dass sich allein in London 5 000 Banker nach neuen Karrieremöglichkeiten umschauen müssen. Damit würde die City noch glimpflich davonkommen. Doch diese Schätzungen gelten nur für die erste Welle des Abschwungs. Als vor sechs Jahren die große Internetblase platzte, gingen in London insgesamt 20 000 Jobs verloren. Der schwarze Mittwoch 1992, an dem der Finanzier George Soros das britische Pfund aus dem Europäischen Währungssystem drängte, kostete 40 000 Stellen. Ob es dieses Mal genauso schlimm kommt, hängt vor allem von der Entwicklung der Weltwirtschaft ab. Wenn die Spätfolgen der Kreditkrise die USA in eine Rezession stürzen, Asien und Europa ebenfalls schwächeln sollten, spricht vieles für eine lange Bankenkrise. Diese Gefahr ist zweifellos gewachsen.

Aber in all der Dunkelheit leuchtet doch zumindest ein kleines Licht. Investmentbanken sind äußerst kreativ, wenn es darum geht, sich neu zu erfinden. Und sie sind bekannt und berüchtigt dafür, dass sie gutes Geld damit verdienen, ein Desaster zu meistern, das sie selbst mit angerichtet haben. Die kommenden Monate werden jede Menge Arbeit für die Teams bringen, die sich mit Restrukturierung, Sanierung und ähnlichen Reparaturarbeiten beschäftigen. Auch für die Handelsabteilungen der Geldhäuser ist die Krise eine Chance. Je größer die Unsicherheit an den Märkten, desto heftiger schwanken Preise und Kurse. Und höhere Volatilität heißt in der Regel höhere Margen im Handelsgeschäft. Dass es möglich ist, sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen, hat die Nummer eins der Branche bewiesen. Goldman Sachs verdiente im dritten Quartal dieses Geschäftsjahres trotz Kreditkrise drei Milliarden Dollar, so viel wie noch nie.

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