Leitartikel
Der Terror in uns

Für eine Mehrheit der New Yorker beginnt auch nach fünf Jahren jeder Tag mit dem Schrecken vom 11. September 2001.

Gleiches gilt für viele Menschen überall auf der Welt. Man hört die Nachrichten, und man wartet auf eine Meldung von einem neuen, vergleichbar schrecklichen Terroranschlag. Die Anspannung mag dabei vielleicht nicht mehr ganz so groß sein. Aber sie ist noch immer da. So, wie zumindest in den USA Gespräche noch immer häufig auf die Frage zulaufen: „Wo waren Sie am 11. September 2001?“

Dabei lebt der Mensch vor allem mit seinen individuellen Jahrestagen, mit Schicksalstagen, mit Geburts- und Todestagen. Es sind dies die Marksteine einer Biografie, fast immer persönlich, selten abstrakt und allgemein. Der 11. September aber macht eine Ausnahme. Denn auch wer niemanden von den Toten dieses Tages kannte – die Konsequenzen der Ereignisse reichen in jedes private Leben. Wir haben Messlatten verschoben, die wir so nie ändern wollten, und akzeptieren, dass unsere Daten erhoben, gespeichert, gerastert und verbreitet werden. Wir sehen ein, dass wir uns bei Reisen umständlichen Prozeduren unterziehen müssen. Und wir verstehen, dass wir an öffentlichen Plätzen von Kameras beobachtet werden. Dies alles geschieht im Namen der Sicherheit. Und eine Reihe vereitelter Anschläge zeigt, dass viele der Maßnahmen Sinn machen und Leben schützen, ja retten.

Doch darf uns diese Einsicht nicht blind machen. Wir müssen Richtiges von Falschem trennen. Die Herausforderung liegt darin, mutig aufzustehen, wenn Irrpfade beschritten werden. Denn wer vor zu großen Eingriffen in Bürgerrechte warnt, wer zu Zurückhaltung und Moderation mahnt, wer zum Dialog aufruft – der sieht sich schnell dem Vorwurf ausgesetzt, an der falschen Stelle zu beschwichtigen. So, wie dies vor dem Irak-Krieg der Fall war. Wer damals Zweifel am Sinn des Krieges, an seinen völkerrechtlichen Grundlagen und am vorgeblichen Kausalzusammenhang mit dem 11. September äußerte, sah sich schnell in der Defensive. Heute ist bekannt: Die Zweifler von damals hatten Recht.

Der Irak-Krieg basierte auf falschen Annahmen, die bewusst oder unbewusst eingesetzt wurden. Nach dem durchaus vertretbaren Afghanistan-Krieg hatten die USA und mit ihr ein Teil des Westens das Maß verloren. Der Irak-Krieg hatte mit dem Terror von El Kaida nichts zu tun, wie dies nun sogar der Bericht des US-Senats vom Wochenende belegt. Der Waffengang gegen Bagdad hat die nationale Sicherheit – ob in den USA oder anderswo – nicht erhöht, er hat sie anfälliger gemacht. Und auch das Argument des US-Präsidenten, seit fünf Jahren Anschläge in den USA verhindert zu haben, gilt so einfach nicht. Tatsächlich sind seit dem 11. September 2001 mindestens weitere 2662 Amerikaner gestorben – als US-Soldaten im Irak.

Der heutige Jahrestag ist deshalb Anlass, der vielen Menschen zu gedenken, die vor fünf Jahren und seither Opfer des Terrors wurden. Aber auch, um den eingeschlagenen Weg zu überprüfen, den wir beschritten haben. Nicht um Schuld zuzuschreiben und alte Rechnungen zu begleichen, sondern um zu überlegen, wie kreativ wir tatsächlich im Umgang mit der islamistischen Bedrohung sind. Damit wir uns nicht wirklich eines Tages an den alltäglichen Terror gewöhnen müssen.

Markus Ziener ist Korrespondent in Washington.
Markus Ziener
Handelsblatt / Korrespondent
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