Leitartikel
Deutsche Malaise VW

Volkswagen, der deutscheste aller deutschen Autohersteller, versinnbildlicht in verblüffender Weise den vertrackten Zustand unseres Landes. So lassen die strategischen Entscheidungen, die der Konzern in den letzten 36 Stunden getroffen hat, mindestens vier Symptome der deutschen Krankheit erkennen: Unwille zur Veränderung, Harmoniesucht, Machbarkeitswahn und das konsequente Ausblenden wirtschaftlicher Realitäten. Warum?

Die vorzeitige Verlängerung des Vertrags von Vorstandschef Bernd Pischetsrieder beendet zwar die Gerüchte über einen Führungswechsel. Doch die Top-Personalie sendet eine schädliche Botschaft aus: Weiter so in Wolfsburg! Denn Pischetsrieder steht für Kontinuität. Anders als der neue Daimler-Chrysler-Chef Dieter Zetsche ist er kein harter Sanierer. Und genau den würde Europas größter Autokonzern angesichts enormer Überkapazitäten und viel zu hoher Kosten derzeit dringend benötigen. Der personelle Status quo ist für die nächsten Jahre zementiert.

Viel schlimmer aber ist die fehlende Veränderung in der Sache. Denn die Vertragsverlängerung ist durch einen für Volkswagen und Deutschland typischen Kungelkompromiss zwischen der Kapitalseite und den Gewerkschaften zu Stande gekommen. Motto: Krümme mir kein Haar, dann tu ich dir auch nicht weh. Bände spricht, dass ausgerechnet der Betriebsratsvorsitzende und nicht der Aufsichtsratschef verkündet, mit welchen Zugeständnissen Pischetsrieders Bleiben erkauft worden ist: indem die Sicherung von Arbeitsplätzen und Standorten in der Konzernstrategie festgeschrieben wird. Dem Markenvorstand Wolfgang Bernhard, der als scharfer Hund von Wolfsburg gilt, entreißt der Aufsichtsrat die Zuständigkeit für die besonders sanierungsbedürftige Komponentenfertigung. Willkommen im Land der Mitbestimmung, wo an runden Tischen faule Kompromisse ausgehandelt werden!

Die adelt der Machbarkeitswahn zur Strategie: Die Sicherung von Arbeitsplätzen zum Unternehmensziel zu deklarieren ist realitätsfern und vertauscht Ursache mit Wirkung. Arbeitsplatzsicherheit ist Ausfluss einer gelungenen Strategie, ihr Bestandteil kann sie nicht sein. Anders ist es mit sinnvollen Vorhaben wie beispielsweise der Konzentration aufs Kerngeschäft oder auch dem Vorrang für Innovationen, der sich in großen Budgets für die Forschung und Entwicklung ausdrückt.

Man kann schließlich auch nicht ins Grundgesetz schreiben, dass die Menschen glücklich zu sein haben. Bestenfalls sind sie glücklich, weil sie ihr Leben in Freiheit und rechtsstaatlicher Ordnung führen können.

Wie so oft in Deutschland scheint auch dieser Kompromiss die wirtschaftlichen Realitäten auszublenden. Und die sehen so aus: Mit 55 Euro pro Stunde sind die VW-Arbeitskosten konkurrenzlos hoch. Die Arbeitszeit ist mit 28,8 Wochenstunden weltweit die geringste. Der Golf braucht zur Fertigstellung doppelt so lange wie vergleichbare Modelle. Veränderungsdruck zuhauf – doch VW ignoriert ihn!

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