Leitartikel
Deutschlands Immunsystem funktioniert

Seit Kurt Tucholsky wissen wir über Prognosen, dass sie schwierig sind – besonders, wenn sie die Zukunft betreffen.
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Trotzdem dürfen wir den führenden Konjunkturbeobachtern glauben, die eine Rezession in Deutschland für ziemlich unwahrscheinlich halten, trotz Finanzmarktkrise. Dafür nennen sie eine ganze Reihe von guten Gründen, die sich in dem einfachen Satz zusammenfassen lassen: Deutschland im Jahr 2008 ist nicht das Deutschland von 2001.

Als damals die längste Rezession der Nachkriegszeit begann, hatten seit der Wiedervereinigung elf Jahre zuvor die Regierungen Kohl und Schröder die Globalisierung verschlafen. Weite Teile der Wirtschaft hatten sie im Internetboom ebenfalls fröhlich ignoriert. Die deutschen Unternehmen waren geschwächt: Als die US-Wirtschaft nach den Anschlägen vom 11. September hustete, bekam Deutschland eine Lungenentzündung.

Seither strukturierten die Firmen um und bauten ihre Weltmarktführerschaft aus. Die Gewerkschaften halfen durch Lohnzurückhaltung, die Lohnstückkosten konnten sinken. Und die Bundesregierung verbesserte mit Steuer-, Renten- und Arbeitsmarktreformen die Rahmenbedingungen erheblich. Hinzu kommt, dass es in der Bundesrepublik keine spekulative Preisentwicklung auf dem Immobilienmarkt gab.

All dies zusammen veranlasst die Ökonomen nun zu ihrer Diagnose eines intakten Immunsystems. Einen leichten Husten bekommt Deutschland zwar infolge der weltweiten konjunkturellen Abkühlung, aber keine Lungenentzündung. Das Wirtschaftswachstum schwächt sich in diesem und im nächsten Jahr wegen der Folgen der US-Immobilienkrise ab, wird aber nicht gestoppt. Und es reicht aus, um die Arbeitslosigkeit weiter sinken zu lassen – wenn auch nicht mehr so schnell wie in den vergangenen beiden Jahren.

Die Konjunkturforscher erinnern auch daran, dass Wirtschaft mindestens zur Hälfte Psychologie ist. Die von Union und SPD beförderte absurde Sichtweise, der Aufschwung komme bei den Menschen nicht an, dämpft die Binnenkonjunktur möglicherweise ebenso sehr wie die seit Herbst steigenden Preise für Lebensmittel und Energie. Die Meinung über den Aufschwung halten die Ökonomen nur deshalb für so schlecht, weil sogar die Politik ignoriere, wie tief die Krise ab 2001 tatsächlich war.

Länder mit besserer Binnenkonjunktur, zum Beispiel die Niederlande und Skandinavien, schafften es, ihre Reformerfolge als Gewinn aus einer gemeinsamen Anstrengung kollektiv zu feiern. In Deutschland misslingt dies so gründlich, dass jede Prognose, die wegen einer guten Arbeitsmarktentwicklung auch nur ein wenig mehr Konsum annimmt, ausgesprochen gewagt ist. So treibt auch jetzt schon die Finanzmarktkrise erneut die deutsche Sparquote nach oben und nicht den Konsum, der den Aufschwung stützen würde.

Die Konjunkturexperten verschweigen nicht, dass alles auch schlimmer kommen kann. Bei ihrem Risikoszenario – wenn die Banken aufgrund der Finanzkrise keine Kredite mehr vergeben – würde Deutschland 2009 in eine Rezession stürzen. Doch wer wirtschaftlich gesund ist, muss das nun wirklich nicht herbeireden.

Donata Riedel ist Handelsblatt-Korrespondentin in Berlin.
Donata Riedel
Handelsblatt / Korrespondentin

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