Leitartikel
Die Botschaft der IG Metall

Die Tarifrunde 2007 wird großen Einfluss darauf haben, ob sich die derzeit erfreuliche Entwicklung am deutschen Arbeitsmarkt zu einer nachhaltigen Trendwende verstetigt. Eine positive Konjunktur und ein milder Winter können da wie ein Zündfunke wirken. Der Treibstoff für einen echten Beschäftigungsaufschwung ist aber das Vertrauen der Unternehmen, dass es sich auch über den Tag hinaus lohnen wird, den Personalstamm im Inland zu verstärken. Das betrifft prinzipiell alle Branchen von der Chemie bis zum Einzelhandel. Kein einzelner Wirtschaftszweig hat dabei aber eine ähnlich wichtige Signalfunktion wie die Metall- und Elektroindustrie mit ihren 3,4 Millionen Beschäftigten, deren Tarifverhandlungen heute beginnen. Sie wird der Tarifrunde den entscheidenden Stempel aufdrücken.

Auch die Steuer- und Arbeitsmarktpolitik hat natürlich starken Einfluss darauf, wie sich die Unternehmen am Standort Deutschland ausrichten. Das nötige Vertrauen wird aber nur wachsen, wenn sich die Lohnsteigerungen im Flächentarif nicht allein an konjunkturellen Hoffnungswerten orientieren. Erforderlich ist eine Tarifpolitik, die glaubwürdig Vorsorge für die Herausforderungen und Wechselfälle der Weltwirtschaft trifft. Dies wird nicht ausschließlich an Zehntelprozentpunkten festzumachen sein, sondern auch daran, welchem Leitmotiv die Tarifrunde folgt: Wird sie unter dem Einfluss politischer Stimmungslagen letztlich als reiner Macht- und Verteilungskampf geführt? Was bleibt im öffentlichen Bewusstsein am Ende von dem Argument übrig, dass die zumindest im Durchschnitt relativ moderate Lohnpolitik der vergangenen Jahre einen positiven Beitrag zur verbesserten Entwicklung am Arbeitsmarkt geleistet hat?

Die Ausgangsbedingungen der Tarifrunde verheißen leider nichts Gutes. In der Lohnforderung der IG Metall von 6,5 Prozent spiegelt sich kein Bemühen, den weltwirtschaftlichen Rahmenbedingungen Rechnung zu tragen. Ebenso wenig befindet es die Gewerkschaft bisher für nötig, ein Signal zu senden, dass zumindest ein Teil des Tarifabschlusses für variable Elemente oder Einmalzahlungen reserviert werden könnte. Die Botschaft ist: Wenn sich die Chemie-Beschäftigten mit 3,6 Prozent mehr Lohn plus 0,7 Prozent Einmalzahlung zufrieden geben, ist das deren Problem. So steuert die Metall-Tarifrunde bereits auf einen Arbeitskampf zu – der aber keiner sein wird. Denn die Betriebe werden im Zweifel eher einen falschen Tarifabschluss schlucken, statt einen Streik mitzumachen. Die Konsequenzen ziehen sie danach: weniger Investitionen und kein weiterer Personalaufbau im Inland. Dafür mehr Engagement im Ausland.

Die zentrale Frage ist daher, ob die IG Metall wenigstens aus Eigeninteresse doch noch die nötige Weitsicht gewinnt und die Folgen einer Machtprobe erkennt: Es steht dabei auch ihre Mitgliederentwicklung auf dem Spiel, daneben die Zukunft des Flächentarifs und die ohnehin stark angekratzte Glaubwürdigkeit aller Gewerkschaften bei der Vertretung gesellschaftlicher Interessen. All dies sollte im Übrigen auch das Führungspersonal der großen Koalition bedenken. Eine politische Begleitmusik, die ohne Not das Lied der vermeintlich zu kurz Gekommenen spielt, könnte sich am Arbeitsmarkt noch vor der nächsten Bundestagswahl bitter rächen.

Dietrich Creutzburg
Dietrich Creutzburg
Handelsblatt / Korrespondent
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