Leitartikel
Die Kinder der anderen

Die Deutschen bekommen zu wenige Kinder. Doch manche Kinder sind den Deutschen zu viel. Diese bittere Quintessenz lässt sich ziehen aus der aktuellen Integrationsdebatte.

Man kann nur darüber staunen, mit wie viel feindseliger Energie manche Mitglieder unserer rapide alternden Gesellschaft gegen einen Teil der Jugend zu Felde ziehen und dabei keine Gnade walten lassen. Auf die Aggressionen ausländischer Jugendlicher antworten Teile der CDU/CSU mit Gegenaggression. Ausweisen oder einsperren, fordern Edmund Stoiber und Co. getreu dem biblischen Motto: Auge um Auge, Zahn um Zahn.

Dieser Rückfall in obrigkeitsstaatliche Reflexe vermischt mit Blut-und-Boden-Anachronismen wäre besser unterblieben. Wir können es uns am allerwenigsten leisten, eine Front zwischen deutschen Erwachsenen und ausländischen Jugendlichen aufzubauen. Wer mit der niedrigsten Geburtenrate der Welt zu kämpfen hat, darf kein Kind zur unerwünschten Person erklären. Unsere schrumpfende Gesellschaft ist auf ihren gesamten Nachwuchs angewiesen, egal welcher sozialen oder ethnischen Herkunft. Wer aber sagt den Migrantenkindern je, dass wir sie brauchen und als potenziellen Trumpf ansehen?

Stattdessen werden Ausländerkinder pauschal in die Verliererecke gestellt. Dabei werfen die überdurchschnittlich fleißigen und in der Schule meist erfolgreichen türkischen Mädchen weder Steine, noch greifen sie ihre Lehrer an. Soziale Verwahrlosung ist zudem kein exklusives Ausländerproblem. Auch etliche deutsche Eltern bringen ihren Kindern die Regeln des Zusammenlebens in unserer Gesellschaft nicht mehr bei. Immer mehr Menschen sind mit der Kindererziehung überfordert. Probleme damit haben nicht nur Alleinerziehende und Langzeitarbeitslose, sie sollen in den besten Familien vorkommen, hier allerdings aus Bequemlichkeit und einer falsch verstandenen Toleranz heraus.

Die verbreiteten Erziehungsdefizite machen sich in allen Schulformen bemerkbar, doch besonders dramatisch in den Hauptschulen. Wer hier strandet, dem bleiben berufliche Perspektiven meist verwehrt. Wenn einige gewaltbereite Jugendliche das Geschehen an der Schule bestimmen, dann lernen andere, wissbegierige Kinder auch nichts mehr.

Deutschland leistet sich also ein Bildungssystem, in dem die Leistungspotenziale von Kindern aus sozial schwachen deutschen und ausländischen Familien seit vielen Jahren unentdeckt und ungefördert bleiben. Ein Offenbarungseid nicht nur für die Bildungspolitik, sondern für die politischen Eliten insgesamt. Sie haben nicht erkannt, dass die gesellschaftliche Entwicklung neue Herausforderungen an das staatliche Bildungssystem in sich birgt. Dass die Zahl der Ausländer steigt, ist lange bekannt, dass die traditionelle Familie auseinander bricht, auch.

Daher war absehbar, dass sich die Schulen nicht mehr nur um Bildung, sondern auch um die Erziehung der Kinder kümmern müssen, und zwar ganztags. Vor allem die Hauptschulen, aber auch Kindergärten, Grund- und Realschulen brauchen dafür endlich mehr Lehrer, Sozialarbeiter und Erzieher. Das erfordert einen nationalen finanziellen Kraftakt, den die Länder nicht allein stemmen können.

Ruth Berschens leitet das Korrespondenten-Büro in Brüssel.
Ruth Berschens
Handelsblatt / Büroleiterin Brüssel
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%