Leitartikel
Die Mahnung der Bilder

Abscheulich, Ekel erregend, pervers: das Echo, das die von „Bild“ veröffentlichten Fotos von einer mutmaßlichen Totenschändung durch deutsche Soldaten in Afghanistan ernten, ist ebenso laut wie berechtigt. Und es darf nicht rasch verhallen.

Es muss auch nach der gerade mit Pomp inszenierten Absegnung des neuen Verteidigungsweißbuches noch zu hören sein. Auch dann noch, wenn der Untersuchungsausschuss zur Aufklärung der von Murat Kurnaz gegen deutsche Soldaten erhobenen Foltervorwürfe irgendwann einmal seine Akten schließen wird.Sicher: Aus der warmen Etappe heraus lässt sich schnell der Stab über die Soldaten brechen. Dies insbesondere in Unkenntnis der damals aktuellen Situation vor Ort. Dennoch, jenseits der moralischen Wertung, provozieren die Bilder gleich mehrere Fragen: jene nach dem Selbstverständnis unserer Streitkräfte, nach dem Wert der Formel vom „Bürger in Uniform“, nach der Fähigkeit der militärischen Führung und nicht zuletzt nach der Verantwortung der Politik.

Auftrag der Streitkräfte ist es, die Sicherheit Deutschlands zu verteidigen. Diesen Auftrag „tapfer“, also auch unter Einsatz des Lebens, auszuführen, geloben oder schwören die Soldaten. Dafür gebührt ihnen Respekt. Vornehmste Aufgabe der militärischen Führung wiederum ist es laut Soldatengesetz, für die Soldaten zu sorgen. Dieses Sorgen beinhaltet mehr als das Vermeiden unnötiger Gefahren. Es verlangt, dem militärischen Dienst Sinn zu verleihen, in der heimatlichen Kaserne, vor allem aber bei Einsätzen in Krisenregionen. Überforderung ist ebenso gefährlich wie Unterforderung. Denn auch „Gammeldienst“ birgt Risiken. Deshalb muss intensiv untersucht werden, ob im Fall der Bilder gerade Frust oder Langeweile Motiv für das makabere Treiben war.

Die Verantwortung der Politik liegt darin, die Streitkräfte zur Erfüllung ihres Auftrags zu befähigen, materiell wie mental und ideell. Beste Ausbildung, beste Ausrüstung sind zwingend. Endlose Diskussionen über Wehretats wirken eher kontraproduktiv. Nicht minder wichtig: Den Soldaten muss Verständnis für die Notwendigkeit der jeweiligen Operation vermittelt werden. Mit der Struckschen Floskel „Deutschland wird auch am Hindukusch verteidigt“ ist es nicht getan. Es muss das Warum erläutert werden.

Und die Soldaten müssen der Politik, die schließlich Gehorsam einfordert, vertrauen können. Verlängerungen von ursprünglich zeitlich limitierten Einsatzfristen können Zweifel wecken, ob mit dem Primat der Politik stets sorgfältig umgegangen wird. Verteidigungsminister Jung könnte sie zerstreuen, sollte die Kongo-Mission tatsächlich Ende November beendet werden.

Natürlich können die Unzulänglichkeiten der Politik nie und nimmer zur Rechtfertigung der mutmaßlichen Totenschändung in Afghanistan dienen. Aber sie müssen unbedingt in die Ursachenforschung einbezogen werden. Wenn Peter Struck einst meinte, dass deutsche Soldaten niemals wie GIs in Abu Ghraib agieren würden, so verkannte er, was Kampfeinsätze in Soldaten auslösen können. Klar: Abu Ghraib hat eine andere, eine schlimmere Qualität als der jetzt publik gewordene Vorfall in Afghanistan. Aber schlimmer ist eben der Komparativ von schlimm.

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