Leitartikel
Die neue Terrorzelle

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Der Vorwurf tönt plausibel: Das Chaos im Gazastreifen habe der Westen zu verantworten. Er habe die demokratisch gewählte Hamas-Regierung von Anfang an isoliert, boykottiert und vom lebenserhaltenden Finanzstrom abgeschnitten. Die radikalen Islamisten hätten keine Chance erhalten, Gaza regieren zu können. Und dies hätte zwangsläufig zum jetzigen den Bruderkrieg führen müssen. Das hört sich zwar zunächst logisch und stringent an. Doch die Wahrheit ist eine andere. Selbst eine großzügige Finanzhilfe für die Palästinenser hätte die Tragödie nicht abwenden können. Auch viel Geld hätte die Hamas nicht daran gehindert, sich blutig an die Macht zu putschen, der Fatah von Präsident Mahmoud Abbas den Garaus zu machen.

Seit mehr als einem Jahr ist die Hamas an der Macht. Aber nie hat sie ihre Verantwortung wahrgenommen. Sie hat weder die internationalen Verträge mit Israel respektiert, die von ihren Vorgängern abgeschlossen wurden, noch hat sie die Milizen entwaffnet oder einem Gewaltverzicht zugestimmt, geschweige denn durchgesetzt. Sie unternahm auch nichts, um den intensiven Waffenschmuggel in den Gazastreifen zu unterbinden. Die palästinensischen Sicherheitskräfte haben es nie gewagt, den Schmugglern, die an dem Handel mit Gewehren, Munition und Raketen gut verdienen, das Handwerk zu legen. Sie haben zugesehen, wie sich die Arsenale der Militanten füllten. Man gehöre ja zur gleichen Familie, habe dieselbe Weltanschauung, so die Argumente. Und der Gazastreifen wurde zum täglich voller werdenden Munitionsdepot, das stets explodieren kann. Die massiven Waffenkäufe zeigen vor allem eines: An Geld hat es im Gazastreifen nie gemangelt. Es kommt vor allem aus dem Iran und von dessen Helfershelfern im Libanon, der Hisbollah. Dies bestätigen nicht nur israelische, sondern auch jordanische und ägyptische Geheimdienste.

Weil die Hamas-Regierung Extremisten willig gewähren ließ, nistete sich im Gazastreifen sogar ein Ableger von El Kaida, die „Armee des Islam“, ein. Diese hält zum Beispiel seit drei Monaten den britischen BBC-Journalisten Alan Johnston gefangen und weiß genau, dass sie dabei von der palästinensischen Regierung unterstützt oder zumindest nicht gestört wird. So mutiert Gaza zur Terrorzelle. Statt ein zweites Dubai zu werden, wie es Patrioten einst geträumt hatten, wird Gaza zu einem zweiten Irak. Die gefährliche Mischung aus palästinensischen Fanatikern und nahöstlichen Dschihadisten macht nicht nur der Bevölkerung im Gazastreifen das Leben zur Hölle und begräbt wohl endgültig den Traum vom eigenen Staat. Sie bedroht auch Israel, Ägypten und Jordanien. In Jerusalem befürchtet man neuen Terror, in Kairo und Amman dessen Übergreifen auf ihre Länder. Und davon könnte über kurz oder lang auch Europa betroffen sein.

Insofern kommen die von europäischen Politikern angestellten Überlegungen, wonach sich EU an der Entsendung einer internationalen Friedenstruppe in den Gazastreifen beteiligen könnte, keineswegs zu früh. Doch dabei gilt es zu bedenken: Die Fanatiker wollen sich vom Westen nicht unterstützen lassen. Um so tragischer ist, dass von arabischer Seite noch nicht einmal ansatzweise etwas unternommen wird, um dem Blutvergießen in Gaza zu beenden.

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