Leitartikel
Die neuen Herren der Finanzwirtschaft treten an

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Noch flüstern es die Banker nur hinter vorgehaltener Hand. Doch spätestens auf der Hauptversammlung der Royal Bank of Scotland in der nächsten Woche werden sich die Informationen als Tatsache entpuppen: Die Briten als einer der großen Spieler auf dem europäischen Bankenmarkt brauchen frisches Geld. An sich nichts Ungewöhnliches in diesen Tagen – und doch der Vorbote einer neuen, einer anderen Bankenwelt, als wir sie seit Jahr und Tag kennen. Künftig befehlen neue Herren im Reich der Banken: die Finanzinvestoren.

Damit keine Missverständnisse aufkommen: Die Royal Bank of Scotland muss ihr Eigenkapital erhöhen, um aufsichtsrechtlichen Anforderungen zu genügen und sich gleichzeitig wieder Spielraum für Wachstum zu schaffen. Erzwungen haben das die Finanzkrise und die damit verbundenen Wertberichtigungen und Abschreibungen. Bis zum Jahresende beschäftigen sich viele Kreditinstitute vor allem mit einem: Aufräumarbeiten, begleitet von Notkapitalerhöhungen. Die derzeitige Lage erinnert frappierend an die Situation der Versicherer in den Jahren 2002 und 2003, als die Branche nach dem Platzen der Internetblase in der Bredouille steckte.

Doch Aufräumen allein reicht nicht bei den Banken. Es ist eine Neuausrichtung fällig. Vorbei sind die Zeiten, als die Banken quasi als Durchlauferhitzer für alle Formen von Wertpapieren agierten. Lange galt: je mehr Aktien, Anleihen und Derivate kreiert, emittiert und bei Investoren platziert werden, desto besser. An die Risiken verschwendete niemand einen Gedanken. Zugleich mauserten sich die Banken zu Finanz-Supermärkten, die alles aus einer Hand anboten.

Doch das ist Vergangenheit. Die Tage der Finanzkonzerne vom Zuschnitt der Citi sind gezählt, auch wenn das Konzernchef Vikram Pandit nicht wahrhaben will. Die in der Krise eingestiegenen Investoren, etwa die Staatsfonds, wurden bislang von der Kursentwicklung schwer enttäuscht. Knallhart und ohne Skrupel werden sie dafür sorgen, dass Universalbanken mit Investment-Banking, Privat- und Geschäftskundengeschäft sowie Vermögensverwaltung aufgespalten und teilweise verkauft werden. Nur die erhoffte Rendite zählt.

Selbst die reinrassigen Investmentbanken können ihr Geschäftsmodell nicht beibehalten. Wie auch? Sicher, Beratung bei Fusionen und Übernahmen ist unproblematisch, denn dafür wird kein Eigenkapital benötigt. Ganz anders sieht es bei strukturierten Krediten und beim Eigenhandel aus. Verschärfte Aufsichtsregeln erfordern mehr eigene Mittel, die aber nur wenige haben. Auch für erstklassige Investmentbanken wie Goldman Sachs führt deshalb kein Weg daran vorbei, sich noch stärker in Richtung Asset-Management und Private Equity zu orientieren.

Die mit der Neuausrichtung verbundenen Kaufgelegenheiten werden Finanzinvestoren nutzen. Sie haben in den vergangenen Monaten Milliarden gescheffelt. Gestählt durch ihre Erfahrungen in der japanischen Bankenkrise, greifen sie zu, um zu sanieren, zu restrukturieren und Finanzinstitute von Format zu bauen.

Was den Banken bleibt, ist eine Renaissance des Dienstleistungsgedankens. Der Kunde ist König. Aber die Geschäfte müssen auch klar auf dessen Rechnung und Risiko laufen.

Robert Landgraf
Robert Landgraf
Handelsblatt / Chefkorrespondent Finanzmärkte

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