Leitartikel
Dreamteam oder Trio Infernale

Vorgestern George W. Bush, heute Nicolas Sarkozy. Es ist kein Zufall, dass die Bundeskanzlerin innerhalb weniger Tage die Präsidenten der beiden wichtigsten Partner Deutschlands trifft.
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In den vergangenen Wochen haben sich mehrere internationale Krisen zugespitzt. Eine enge Abstimmung ist dringend geboten. Sowohl der Streit über das iranische Atomprogramm als auch der über die Unabhängigkeit des Kosovos treiben auf eine Entscheidung zu. Dazu kommt die Eskalation der Situation in Afghanistan, in Pakistan und im Nordirak. Will der Westen die Entwicklung in seinem Sinne beeinflussen, müssen die USA und die EU ihre Kräfte bündeln.

Nicht zuletzt auch, weil sich die politischen Gewichte in der Welt dramatisch verschieben. Öl- und gasreiche Staaten sowie die asiatischen Wirtschaftswunderländer sammeln riesige finanzielle Ressourcen, aus denen sie (wie zuvor die westlichen Industriestaaten) stärkere politische Mitsprache und das Recht auf größere militärische Macht ableiten.

In dem Maße, in dem undemokratische Regime wie in China an Einfluss gewinnen, rücken Demokratien zusammen. Im heraufziehenden „Kampf der Systeme“ erscheinen ihre Differenzen kleiner, ihre Gemeinsamkeiten größer.

Und die Voraussetzungen für eine transatlantische Neuorientierung scheinen ausgesprochen günstig: Die amerikafreundlichen Merkel und Sarkozy lenken die beiden wichtigsten EU-Staaten. Das Desaster des Irak-Krieges hat George W. Bush die Grenzen der Supermacht aufgezeigt und zu einer kooperativeren Politik bewegt.

Es gibt erste erstaunliche Erfolge. Merkel hat mit ihrer transatlantischen Wirtschaftsinitiative zumindest eine Debatte über gemeinsame Standards angestoßen. Und die US-Regierung hat die europäische Nahost-Philosophie mit dem Credo „Dialog statt Abschottung“ übernommen: War Steinmeiers Syrien-Reise noch heftig kritisiert worden, dringen nun auch die USA auf eine umfassende Nahost-Konferenz mit Syrien.

Schritt für Schritt haben sich auch andere Positionen angenähert. Frankreich will zurück in die Nato. Die Europäer werden die Unabhängigkeit des Kosovos wohl anerkennen. Im Gegenzug akzeptieren die USA, im Iran-Konflikt zunächst weiter auf den Uno-Rahmen zu setzen. Und bei seinen Raketenplänen zeigt Washington sich gegenüber Russland gesprächsbereit.

Ob aus dem Trio Bush, Merkel und Sarkozy ein transatlantisches „Dreamteam“ wird, ist noch nicht ausgemacht. Zum einen bleiben große Meinungsverschiedenheiten bei Themen wie dem Klimaschutz. Zum anderen darf die engere Abstimmung der westlichen Industrienationen die drohende internationale Frontenbildung nicht noch verschärfen. Vor allem Bush und Sarkozy aber zeigen einen Hang zur demonstrativ moralisierenden Außenpolitik mit klarem „Freund-Feind“-Schema. Als Atommächte verfolgen sie ohnehin eine separate Agenda.

Merkel darf sich deshalb nicht zu sehr vereinnahmen lassen. Die Stärke der deutschen Außenpolitik seit 1945 lag stets darin, den Dialog auch über Systemgrenzen hinweg führen zu können. Und eines kann die Welt nicht gebrauchen: ein „Trio infernale“, das von Russland und den Schwellenländern als belehrende Speerspitze der „freien Welt“ empfunden wird.

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