Leitartikel
Ein Pfälzer sucht Profil

Irgendwie ist er süß, der Knut – Pardon: der Kurt. Ein bisschen struppig und doch friedfertig. Ebenso tapsig wie lebensfroh. Mal wirkt er ernst, mal trollt er sich zum Spaß. Böse kann man ihm eigentlich nicht sein. Ein echter Bär zum Knuddeln halt. Nur: Reicht das für einen SPD-Vorsitzenden? Keine zwölf Monate steht Kurt Beck an der Spitze der „deutschen Sozialdemokratie“, wie er gerne formuliert. Doch zunehmend muss sich der Pfälzer kritische Würdigungen gefallen lassen. Dass ihn ein vorlauter Bayern-Lümmel als weinseligen „Hobby-Außenpolitiker“ karikiert, kann der Mainzer Ministerpräsident locker wegstecken. Doch auch in der eigenen Partei wächst die Verunsicherung über seine Strategie. Im Wochentakt spuckt der SPD-Chef mehr oder weniger ausgereifte Ideen aus. Aber eine klare Linie ist nicht zu erkennen. Weil Beck bei seinen Profilierungsversuchen in manches Fettnäpfchen tritt, macht schon das böse Wort vom „Kurt Scharping“ die Runde.

Eine derart vernichtende Kritik blendet die extremen Umstände aus, unter denen Beck sein Parteiamt übernommen hat. Die Wahrheit ist:Die SPD befindet sich in einer schweren Krise. Ihre Wähler laufen davon. Ihre Funktionäre rebellieren gegen die eigene Politik. Der Basis fehlt eine Vision. Gleichzeitig drängt von links außen eine neue Partei mit populistischen Versprechungen. Und die Union wildert im ehemals linken Fundus fortschrittlicher Familienpolitik. In dieser Situation musste Beck zunächst vor allem Ruhe und Vertrauen in die eigenen Reihen bringen. Das hat der volksnahe Landesvater geschafft. Doch um bei der Bundestagswahl 2009 eine Chance zu haben, reicht es nicht, die Mitglieder zu besänftigen. Beck müsste über die Partei hinausstrahlen und der Mitte der Gesellschaft ein echtes Angebot machen. Doch da herrscht Fehlanzeige. Die SPD-interne Programmdiskussion lockt jenseits des Funktionärszirkels keinen Hund hinter dem Ofen hervor. Und die konkrete Regierungspolitik – von der Rente mit 67 bis zur Unternehmensteuer – müssen die zuständigen SPD-Minister weitgehend ohne Rückendeckung ihrer Partei verkaufen.

Statt offensiv zu werben, produziert Beck wie eine Ich-AG permanent neue Ideen, die nicht immer falsch sind, aber oft zur Unzeit auftauchen: Mal will er sich den Leistungsträgern widmen, mal die Unterschicht motivieren. Mal kündigt er einen Vorstoß zur Mitarbeiterbeteiligung an, dann rät er Arbeitslosen zur Nassrasur. „Immer langsam mit d’ Leut’!“ fordert er just, als SPD-Vizekanzler Müntefering aufs Reformtempo drückt. Und „keine Raketen“, wenn sich SPD-Außenminister Steinmeier für Verhandlungen stark macht. Wahrscheinlich wird in Afghanistan in einem Versöhnungsprozess irgendwann auch mit der Opposition geredet werden müssen. Aber ist es wirklich eine gute Idee, eine Konferenz unter Beteiligung „gemäßigter“ Taliban zu fordern, wenn diese gerade eine Terror-Offensive vorbereiten und deutsche Tornados an den Hindukusch fliegen? Da hegen auch Sozialdemokraten ernste Zweifel. Kurt Beck muss aufpassen, dass er nicht in den Geruch der Dampfplauderei gerät. Das würde ihn und seine Botschaften um die öffentliche Wirkung bringen. Kurzweil und Unterhaltung findet das Publikum bei Knut genügend.

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