Leitartikel
Ein Sieg der Optimisten

Was Klinsmanns Truppe im Sommer vollbrachte, holt die deutsche Wirtschaft jetzt nach. Auf das Sommer- folgt das kleine Herbstmärchen: Der Aufschwung geht 2007 in das vierte Jahr.

Die größte Steuererhöhung aller Zeiten, Rekordbeiträge zur Krankenversicherung und erneute Ökozuschläge auf Benzin werden ihn zwar bremsen, aber nicht abwürgen. Denn die Unternehmen strotzen vor Kraft, wie sie in dieser Woche mit der Präsentation von Rekordgewinnen und optimistischen Ausblicken wieder beweisen.

Die Hausse an den Finanzmärkten belegt, wie realistisch diese Zuversicht ist: Die Kurse klettern von Rekord zu Rekord. Doch gleichzeitig sind Aktien so preiswert wie seit zehn Jahren nicht mehr. Der Grund: Die Kurse steigen langsamer als die Konzerngewinne. Das macht die Aktien eben billiger. Im Gegensatz zum Boom zur Jahrtausendwende sind die Börsen heute nicht Opfer einer Kursblase. Die Kurse spiegeln vielmehr originalgetreu die Realwirtschaft wider.

Zugleich hegen die Anleger die durchaus berechtigte Hoffnung, dass der Konjunkturmotor auch nach dem Januar noch rund läuft. Als Jahrhunderte altes Zentrum der Spekulation besaß die Börse stets ein gutes Gespür für die nahe wirtschaftliche Zukunft. Die Unternehmen teilen nun erstmals diesen Optimismus und glauben, dass dieser auch über das Jahr 2006 hinaus berechtigt ist. Abzulesen ist dies am steigenden Ifo-Konjunkturindex. Volle Auftragsbücher, der Boom im verarbeitenden Gewerbe und exzellente Exporterwartungen lassen die im Januar anstehende Mehrwertsteuererhöhung um drei Prozentpunkte zwar nicht vergessen, doch milder erscheinen. Alles deutet darauf hin, dass Deutschlands, Europas und Amerikas Firmen 2007 vor ihrem vierten Rekordjahr in Folge stehen.

Obendrein wird der US-Wirtschaft jetzt eine gigantische, vor allem kostenlose Konjunkturspritze angesetzt. Keine Industrienation profitiert von den rasant fallenden Ölpreisen so sehr wie die größte Volkswirtschaft der Welt. Denn anders als den Europäern ist es den Amerikanern bislang nicht gelungen, sparsamer mit dem fossilen Brennstoff hauszuhalten. Was sich bei steigendem Ölpreis rächt, erweist sich nun als Vorteil. Immerhin ist Öl binnen weniger Wochen um ein Viertel billiger geworden, und die Amerikaner erzielen deshalb einen größeren Spareffekt.

Der schon für 2005 und 2006 prognostizierte schwere Einbruch der US-Konjunktur fällt also wohl wieder aus. Und zwar trotz des schwächeren dritten Quartals. Denn die Firmen investieren unverändert stark, und die Verbraucher bleiben großzügig. Das werden in den nächsten Tagen all jene Konjunkturdaten zeigen, die nicht nur in den Rückspiegel, sondern nach vorne blicken. Viele neue Arbeitsplätze entstehen, die Löhne steigen – und damit der Konsum.

Ganz so rosig sieht es in Deutschland zwar nicht aus. Wie nicht anders zu erwarten, ziehen viele Verbraucher Anschaffungen vor, um der Mehrwertsteuer zumindest ein paar Monate lang ein Schnippchen zu schlagen. Doch wie schon so oft wird unsere vom Export getriebene Wirtschaft die Schwäche des heimischen Verbrauchs Anfang 2007 ausbügeln können. Was im Sommer noch unmöglich schien, wird Realität: Der Abschwung mit Ansage fällt aus. Vorerst.

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