Leitartikel
Evergreen mit Misstönen

Soziale Kapitalpartnerschaft, Beteiligung der Arbeitnehmer am Kapital: Das klingt für alle politischen Flügel so schön, dass man sich wundern muss, warum die Spitzen von CDU und SPD erst jetzt wieder diesen Konsens stiftenden Evergreen aufgreifen.

Sozialdemokraten dürfen mit der diffusen Idee des Investivlohns mehr Mitbestimmung und mehr Selbstbewusstsein der Arbeitnehmer verbinden, Anhänger der Union mögen Lohnmäßigung, Ersparnisbildung und Ausbreitung des Unternehmertums damit assoziieren. Gegen die Kraft der Assoziationen droht die ökonomische Vernunft den Kürzeren zu ziehen.

Was will man erreichen, wenn man Arbeitnehmer mit Zwang oder Subventionen dazu bringt, einen Teil ihres Gehalts im eigenen Unternehmen zu investieren, anstatt es auszugeben oder anderweitig anzulegen? Welche unerwünschten Folgen könnte es haben? Die zweite Frage ist die leichtere: Ein Arbeitnehmer, dessen Karriere- und Einkommensperspektiven in starkem Maß von nur einem Unternehmen abhängen, kann unter dem Gesichtspunkt der Risikostreuung gar nichts Falscheres tun, als ausgerechnet in der gleichen Firma auch noch sein Erspartes anzulegen. Enron lässt grüßen.

Wenn eine Kapitalbeteiligung der Arbeitnehmer an ihren Unternehmen breitflächig Schule machen würde, fiele es Regierungen jedweder Couleur noch schwerer als ohnehin schon, ein größeres Unternehmen in die Insolvenz gehen zu lassen. Der Dynamik der deutschen Wirtschaft wäre dies nicht zuträglich. Eine Absicherung der Arbeitnehmeraktien durch Bürgschaften und Rückversicherungen, wie es SPD-Chef Kurt Beck vorschwebt, könnte das Problem zwar lösen. Allerdings würde die ganze Idee zu einem subventionierten Sparplan degradiert.

Konkrete Vorteile des Investivlohns zu finden fällt schwerer. Staatliche Subventionen der Ersparnisbildung gibt es schon mehr als genug. Sie machen sich vor allem gegenseitig Konkurrenz. Der Vorteil des Investivlohns müsste also im Umleiten der Arbeitnehmerersparnisse in das eigene Unternehmen liegen. Wer am Gewinn seiner Firma per Aktienbesitz partizipiert, wird vielleicht tatsächlich bereit sein, sich mit geringeren Lohnsteigerungen zufrieden zu geben. Und er wird sich vielleicht auch stärker mit seinem Unternehmen identifizieren. Doch bei realistischer Betrachtung des Ausmaßes der Arbeitnehmerbeteiligung dürfte dieser Effekt bescheiden bleiben. Denn direkter und effizienter kann die Identifikation der Mitarbeiter mit dem Unternehmen beispielsweise durch gute Personalführung gefördert werden.

Die Bereitschaft der Mitarbeiter, in schlechten Zeiten Lohnzugeständnisse zu machen, könnte erhöht werden, wenn in guten Zeiten dafür eine Beteiligung am Gewinn winkt. Aber dazu bedarf es keiner direkten Kapitalbeteiligung. Zumindest im Prinzip ist eine Gewinnbeteiligung über variable Lohnbestandteile ökonomisch eine prima Sache. Denn auf einen Bonus zu verzichten fällt den Menschen deutlich leichter, als den Affront einer Lohnkürzung hinzunehmen. Damit sich die Arbeitnehmervertreter in der Breite auf solche Modelle einlassen, muss allerdings das Problem der objektiven Gewinnfeststellung gelöst werden.

Norbert Häring berichtet für das Handelsblatt über Wirtschaftswissenschaften. Quelle: Pablo Castagnola
Norbert Häring
Handelsblatt / Ökonomie-Korrespondent
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