Leitartikel
Fernsehen mit Grenzen

Als die Bilder der privaten TV-Sender laufen lernten, hatte die EU einen Traum: Fernsehen ohne Grenzen. Der freie Fluss von Informationen, Kultur und Unterhaltung sollte ein neue Zeit einleiten.

Bereits vor mehr als zwei Dekaden wurde das Vorhaben in eine Richtlinie für das frei empfangbare Fernsehen gegossen. Aus der politischen Idee von damals wurde eine wirtschaftliche Erfolgsgeschichte. Doch das analoge Fernsehzeitalter ist zu Ende. Die Digitalisierung eröffnet ungeahnte Möglichkeiten. Mit ein paar Millionen in der Hand kann jeder zum TV-Unternehmer werden. Kaum eine Woche vergeht, in der nicht ein neuer Digitalsender über Satellit, Kabel oder Internet an den Start geht. Noch steht die Gründerwelle am Anfang. Doch eins ist klar: Es wird ein Fernsehen mit Grenzen sein.

Die Verschlüsselung der Programme ist die Voraussetzung für den wirtschaftlichen Erfolg, aber keine Garantie. Mit Werbung lassen sich die Spezialangebote nicht mehr finanzieren. Die Einnahmen aus den Abos sind eine unverzichtbare Einnahmequelle. Dass der Satellitenkonzern SES Astra zusammen mit Fernsehkonzernen eine Gebühr für das TV per Parabolantenne einführen will, ist nur logisch. Medienkonzerne wie Bertelsmann, Viacom und NBC Universal haben sich längst für die Verschlüsselung entschieden. Andere wollen nachziehen. Dann werden Millionen Zuschauer für die bisher gratis gelieferten Programme zahlen müssen. Der geplante monatliche Obulus von drei Euro ist nur der Einstiegspreis.

Dass ausgerechnet die öffentlich-rechtlichen Anstalten so lautstark dagegen trommeln, ist scheinheilig. Denn niemand kassiert den Zuschauer stärker ab als ARD und ZDF. Ihrem Bezahlfernsehen entkommt niemand. Allein im vergangenen Jahren überwiesen die Besitzer eines Fernseh- oder Radiogerätes mehr als sieben Milliarden Euro – ein Rekord.

Das verbale Sperrfeuer gegen eine Verschlüsselung ist absurd. Denn auch ARD und ZDF muss klar sein: Wer seine Inhalte über eine Verschlüsselung nicht entsprechend schützt, wird morgen der Verlierer sein. Der Niedergang der Musikindustrie durch Raubkopien ist ein mahnendes Beispiel. Zudem drängen die Rechteinhaber – von Hollywood bis zu den Fußballverbänden – immer massiver auf eine klare Abgrenzung. Sie haben kein Interesse daran, dass ihre Filme oder Endspiele anderswo kostenlos zu sehen sind. „Teile und verkaufe“ heißt schließlich die Devise im Rechtegeschäft. Doch das ist nur die Angebotsseite.

Auf der anderen Seite stehen Verbraucher und Politik. Von beiden hängt ab, ob ARD und ZDF bei der Verschlüsselung weiter abseits stehen. Die Ministerpräsidenten der Länder zögern noch mit einer klaren Empfehlung. Sollten alle Privaten ihre Programme demnächst verschlüsseln, dann wären ARD und ZDF die einzig frei empfangbaren Sender überhaupt. Sie hätten einen großen Wettbewerbsvorteil, während die Privaten ihr Hauptargument einbüßen, dass sie gratis liefern, wofür der Zuschauer bei den öffentlich-rechtlichen Sendern eine Gebühr zahlen muss.

Der Unmut der Verbraucher könnte sich gegen die Privaten wenden, manch einer würde vielleicht künftig auf sie verzichten. Was empfiehlt ARD-Talkmaster Harald Schmidt: „Immer an den Zuschauer denken.“

Hans-Peter Siebenhaar ist Handelsblatt-Korrespondent in Wien und ist Autor der Kolumne „Medienkommissar“.
Hans-Peter Siebenhaar
Handelsblatt / Korrespondent für Österreich und Südosteuropa
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