Leitartikel
Forgeards Erbschaft

Noël Forgeard dürfte sich an zwei Dinge aus dem kurzen Regiment von Boeing-Chef Harry Stonecipher erinnern: zum einen an die außereheliche Affäre des bald 70-Jährigen mit einer Angestellten, die zu seinem schnellen Sturz führte.

Vor allem aber an die Botschaft des Luftfahrt-Veterans an die Adresse von Airbus, Erfolge bitte erst dann zu feiern, wenn sie in der Bilanz stehen. Stoneciphers Warnung mit Blick auf den Prestigeflieger A380: Der Flugzeugbau sei ein langfristiges Geschäft, ein „sehr, sehr langfristiges“ sogar.

Stonecipher behielt Recht, auch wenn er seinen Job verlor. Wer heute ein Flugzeug entwickelt, weiß erst in 15 oder 20 Jahren, ob es ein Bestseller wird oder ein Milliardengrab. Die ersten Machbarkeitsstudien zur Entwicklung der A380, die erstmals 2007 ausgeliefert wird, gehen auf die 80er-Jahre zurück. Gefeiert wurde der Vogel bereits, als habe ein ganzer Kontinent die Amerikaner in der Prestigedisziplin Flugzeugbau überrollt. Erinnert sei an die olympiareife Enthüllungszeremonie im letzten Jahr, bei der sich Europas Staatsmänner von Chirac über Blair bis Schröder mit Superlativen überboten. Dabei saß ein französischer Manager, der von einem „großen Moment in der Geschichte Europas“ sprach: Airbus-Chef Forgeard.

Inzwischen thront Forgeard an der Spitze des Airbus-Mutterkonzerns EADS. Seine Erfolge sind unumstritten. Aus einem bunten Konsortium aus Franzosen, Deutschen, Briten und Spaniern formte er einen zwar konfliktbehafteten, aber schlagkräftigen Flugzeughersteller, der auf Augenhöhe zu dem einst übermächtigen Rivalen Boeing stehen kann. Mit seinem engen Fokus auf die A380, die seinen ganz eigenen Triumph krönen sollte, hat er das Rad jedoch überdreht.

Berauscht vom eigenen (kurzfristigen) Erfolg, hat Forgeard allzu viele Airbus-Ressourcen auf eine höchst riskante Neuentwicklung gelenkt, die allenfalls einige wenige Renommier-Airlines interessiert. Mit seiner Marschroute, darüber hinaus im Militärbereich anzugreifen, hat er die Kapazitäten des Konzerns überstrapaziert. Das peinliche Eingeständnis, die Herausforderungen der A380 ein zweites Mal unterschätzt zu haben, hat Forgeard seinem Nachfolger Gustav Humbert überlassen, dem ersten Deutschen an der Airbus-Spitze. Dieser soll nun kitten, was vermutlich nicht mehr zu kitten ist – auf Anweisung der EADS-Chefetage.

Das ohnehin angespannte deutsch-französische Verhältnis steht nun vor einer weiteren Bewährungsprobe. Der Konzern benötigt eine Neuausrichtung und die Einsicht, künftig nicht auf allen Feldern der Luft- und Raumfahrt parallel auftrumpfen zu können.

Vorrangiges Ziel muss es sein, das wichtigste Marktsegment der mittelgroßen Langstreckenjets wieder zu stärken. Verliert Airbus das Duell gegen den von Boeing konzipierten „Dreamliner“, würden die wertvollsten Teile der Airbus-Modellpalette zerpflückt. Für diese Schadensbegrenzung sind im Management starke Hände gefragt, keine starken Worte. Brechen die Machtspiele zwischen Franzosen und Deutschen erneut aus, wird es nur einen Gewinner geben: den eigentlich einzigen Gegner Boeing.

Matthias Eberle
Matthias Eberle
Handelsblatt / Ressortleiter Ausland
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