Leitartikel
Für den Chef wird es ernst

Seit Wochen verbreitet sich die Unsicherheit darüber, wie sehr die Erschütterungen der Finanzmärkte auf die realen Geschäfte der deutschen Großunternehmen durchschlagen.
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Sie hat sich in dieser Woche wegen der Halbjahresbilanz des größten europäischen Technologiekonzerns verschärft. Siemens, in 190 Ländern der Welt aktiv, spürt erste Folgen der amerikanischen Krankheit. Auch wenn das Unternehmen am Renditeziel festhält: Der lange Zeit scheinbar ungebrochene Optimismus zeigt Risse.

Dass es Siemens trifft, kann nicht überraschen. Längst sind die USA zum wichtigsten nationalen Einzelmarkt des Münchener Unternehmens geworden. Die Hoffnung auf eine mögliche Abkopplung durch die ökonomische Stärke der Schwellenländer, deren Wachstum die Europäer insgesamt und auch Siemens retten werde, war trügerisch. Das Ende des jüngsten amerikanischen Traums, Wachstum dauerhaft auf Pump finanzieren zu können, bleibt weltweit nicht folgenlos. Siemens steht insofern beispielhaft für das Ende des scheinbar endlosen Investitionsgüterbooms, von dem die deutsche Industrie ganz besonders profitiert hat.

Doch die anderen deutschen Schwergewichte hat es nicht so erwischt wie Siemens – womit wir bei den hausgemachten Schwierigkeiten sind. Peter Löscher, der verbindliche Österreicher an der Spitze des Technologie-Riesen, hat operative Schwächen eingeräumt. Die Gewinne sind verdampft, die Kraftwerksparte hat sich übernommen, die Verkehrstechnik ihre Probleme noch immer nicht im Griff, die Reste der defizitären Telefonsparte hängen ihm wie ein Klotz am Bein.

Das alles wäre mit hergebrachten Rezepten vielleicht zu managen, kämen nicht so viele besondere Schwierigkeiten hinzu. Denn Löscher hat es sich schwerer gemacht als nötig, als er die ohnehin hochgesteckten Ziele seines Vorgängers Klaus Kleinfeld vor Monaten noch einmal verschärfte, um sie dann wenig später infrage stellen zu müssen. Insofern steht die Verlässlichkeit seiner Prognosen jetzt schon infrage.

Hinzu kommt, dass sich Löschers früh geäußerte Hoffnung, der Schmiergeldskandal sei unter Kontrolle, als Illusion erwiesen hat. Denn die sage und schreibe 175 Millionen Euro Anwalts- und Beratungsaufwand im abgelaufenen Quartal schmerzen ja nicht nur als Kostenfaktor. Die Heerscharen von US-Anwälten, die den Weltkonzern durchforsten, sorgen für Unruhe, Frust, Wut. Die Zeit der Wirren ist noch nicht vorbei.

Dabei war es Löschers vornehmste Aufgabe, die Folgen des Skandals unter Kontrolle zu bringen. Das hat er bis heute nicht geschafft. Deshalb beginnt manch einer, an der Vernunft des Konzernumbaus von der Spitze her zu zweifeln. Was eigentlich macht Peter Solmssen, der amerikanische Anwalt, den Löscher in den Vorstand geholt hat? Heilsame Wirkung hat das nach US-Muster geordnete Spitzenteam jedenfalls noch nicht entfaltet. Die zahllosen Abgänge, zuletzt der Rücktritt des legendären Medizintechnik-Chefs Erich Reinhardt, hinterlassen Spuren.

Löscher will angesichts wegbrechender Gewinne weitere Schnitte setzen, in der Verwaltung hart sparen. Neue Querelen sind programmiert, während die operativen Herausforderungen wachsen. Der Zauber des Neubeginns ist verbraucht. Für den Chef wird es jetzt ernst.

Quelle: Pablo Castagnola
Christoph Hardt
Handelsblatt / Ressortleiter

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