Leitartikel
Gefährliche Zahlenspiele

Eine rundum zufrieden wirkende Angela Merkel trat gestern in Heiligendamm vor die Presse. Der seit Wochen tobende Zahlenkampf zwischen den G8-Staaten ums Klima liegt hinter ihr.
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Die EU war mit ihrer Selbstverpflichtung zur Reduzierung der Treibhausgase vorgeprescht. Nun ging es vor allem darum, wie konkret sich auch die G8 auf Ziele verpflichten würde.

Fast konnte man den Eindruck haben, das Wohl der Welt hinge davon ab, möglichst viele Daten in dem Abschlussdokument von Heiligendamm festzulegen. Erstmals bekennt sich ein Weltwirtschaftsgipfel zu einer magischen Zahl. Das Ziel „minus 50 Prozent bis 2050“ steht tatsächlich im Text, wenn auch mit vielen wichtigen Einschränkungen. Dies ist ein Erfolg, ohne Zweifel. Genau so wichtig ist, dass die G8 bis 2009 ein Kyoto-Folgeabkommen erreichen will.

Aber gerettet ist die Welt damit noch lange nicht. Zum einen zeigt das Kyoto-Abkommen, dass G8-Länder wie Japan und Kanada ihre Selbstverpflichtungen zur Kohlendioxid-Reduktion einfach nicht einhalten. Die eigentliche Herausforderung beginnt also, wenn solche Globalaussagen schmerzlich zu nationaler Politik werden. Hier kosten sie Geld. Zum anderen gilt: So wichtig es ist, dass die G8 den Klimaschutz oben auf die Agenda gesetzt hat – nicht alle Ziele sind sinnvoll. Ein Beispiel ist die Begrenzung der Erderwärmung auf zwei Grad, die die Kanzlerin selbst in die Debatte eingebracht hat.

Es ist eine Sache, dass Wissenschaftler Vorhersagen machen. Es ist eine andere, dass sich die Politik in einer Art Gutmenschen-Aktivismus verpflichtet, einen bestimmten Temperaturanstieg verhindern zu wollen. Auch wenn heute feststeht, dass der Mensch den Klimawandel beeinflusst, ist unklar, welchen quantitativen Einfluss er ausübt. Die Politik suggeriert also eine Verpflichtung, die sie gar nicht erfüllen kann. Bushs Widerstand an dieser Stelle war deshalb richtig. Die abschreckende Wirkung solcher Zahlenspiele ist von der Entwicklungshilfe bekannt. Auch der von den Industrieländern beschlossene Wert von 0,7 Prozent war eine aus lauter guten Absichten gegriffene Zahl. Doch die entwicklungspolitische Debatte hat sich dadurch auf gefährliche Weise verselbstständigt. Wichtigere Zugeständnisse wie etwa ein offener und subventionsfreier Handel geraten in den Hintergrund.

In der Klimadebatte drohen weiter ähnliche Entwicklungen. Die Fixierung auf einfache Zahlen wie „zwei Grad“ oder „minus 50 Prozent“ verdeckt zudem, dass über die Wirkung vor allem deren Begleitkriterien entscheiden. Nicht zufällig favorisiert Deutschland als Vergleichsjahr 1990, als der Niedergang der ineffektiven ostdeutschen Industrien erst begann. Kanada und Japan plädieren dagegen für aktuelle Referenzjahre, weil sie damit kurzerhand ihre bisherige Laxheit legitimieren wollen. Misstrauen ist deshalb bei den Klimaschutzdebatten der kommenden Monate angebracht. Neue Selbstverpflichtungszahlen täuschen meist nur Aktionismus vor. Und wenn als Erfolg gefeiert wird, dass sich die USA zu einem Post-Kyoto-Abkommen im Uno-Rahmen bekennen, gilt das Lob einem Nichts. Zur Erinnerung: Auch Kyoto ist zusammen mit der US-Regierung ausgehandelt worden. Nur haben die USA das Abkommen dann nie ratifiziert.

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