Leitartikel
Germans to the Front

Am 22. Juni 1900 schickte der britische Admiral Seymour deutsche Truppen in den Kampf gegen den „Boxeraufstand“ in China. „The Germans to the Front“ wurde zur stehenden Redewendung.

Und Knüttelversdichter schwärmten: „O, Deutscher, schreib ins Herz dir tief, dass einst in banger Kriegesqual an andrer Völker Spitze rief Dich Großbritanniens Admiral!“ Heute werden wieder deutsche Truppen an die Front gerufen, in Afghanistan. Doch Berlin stellt sich taub. Aber den Nato-Gipfel Ende dieses Monats in Riga und den deutschen EU- und G8-Vorsitz 2007 im Blick, werden die Nato-Partner noch lauter rufen. Sie haben sich eine bequeme Logik zurechtgelegt: Die bedrohliche Lage südlich des Hindukuschs ließe sich lindern, wenn endlich deutsche Soldaten mitkämpfen würden.

Die Bundesregierung antwortet mit einer Zahlendebatte: Wir haben viele Soldaten im Einsatz, andere müssen ihre Truppen verstärken. So berechtigt der Hinweis ist, der Zählappell ergibt nur die halbe Wahrheit. Die andere Hälfte ist: Auslandseinsätze deutscher Soldaten, bei denen der Tod ein nicht seltener „worst case“ ist, meiden Regierung und Parlament bislang. Unsere Gesellschaft ist darauf nicht vorbereitet. Unter Rot-Grün hat sie sich an Auslandseinsätze gewöhnt, aber eben nur an solche, bei denen es um den Wiederaufbau geht.

Wir sollten das nicht gering schätzen. Wenn in Afghanistan etwas funktioniert, dann die Kombination von militärischer Sicherung und zivilem Aufbau. Und grundsätzlich gilt: Die Bundesrepublik hat in den letzten Jahren an Respekt gewonnen, weil für sie der Militäreinsatz kein Reflex ist. Nicht zuletzt deutsche Unternehmen wissen zu schätzen, dass den Deutschen weit über Arabien hinaus weniger Misstrauen entgegenschlägt als manch anderer westlicher Nation. Die auf „soft power“ setzende deutsche Außenpolitik ist zum Markenzeichen geworden, das wir nicht aufs Spiel setzen sollten. Dennoch rückt der Zeitpunkt näher, da Bundeswehrverbände kämpfen werden. Die Koalition selbst bringt Darfur in die Diskussion und hofft, dadurch den Druck der Partner mindern zu können.

Für die Regierung stellen sich nun zwei Aufgaben, eine innen- und eine außenpolitische. Zum einen muss die Diskussion über brisante Einsätze geführt werden. In einer so entscheidenden Frage kann man nicht klammheimlich Fakten schaffen. Zum anderen wird es künftig noch wichtiger, die positive außenpolitische Tradition der „alten“ Bundesrepublik zu bewahren. Wird das Leben deutscher Soldaten aufs Spiel gesetzt, muss Berlin hartnäckiger als bisher darauf pochen, dass der Gesamtrahmen der Konfliktbewältigung stimmt. Im Krisenbogen von Palästina über den Irak bis Afghanistan tritt der größte westliche Partner, die USA, Israel gegenüber zu passiv, in Irak und Afghanistan dagegen eindimensional martialisch auf. Ließen wir uns darauf ein, nur militärische Lückenbüßer ohne politischen Einfluss zu sein, würden wir außenpolitisches Kapital verspielen, ohne die Krisenbewältigung zu verbessern.

Den Boxeraufstand schlugen die Kolonialmächte gemeinsam nieder, in Deutschland sang man berauscht: „Dann fordre dir vom Erdenball dein redlich Teil mit Recht und Fug.“ 14 Jahre später wurde das blutige Wirklichkeit. Der Ruf an die Front kann auf grausame Weise in die Irre führen.

Thomas Hanke
Thomas Hanke
Handelsblatt / Korrespondent in Paris
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