Leitartikel
Hang zum Masochismus

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Man stelle sich vor: Nach endlosem Architektenstreit lässt ein Bauherr endlich ein Gebäude auf schwierigem Grund errichten. Doch kaum ist das Dach gedeckt, beginnt er, mit dem Vorschlaghammer die Mauern zu traktieren. Ein absurder Gedanke? Nicht für die SPD, die sich bei der Rente mit 67 im unstillbaren Hang zur Selbstquälung genau so verhält.

Kaum ist die ebenso unpopuläre wie demographisch unausweichliche Anhebung der Altersgrenzen durch Bundestag und Bundesrat gebracht, da eröffnet SPD-Chef Kurt Beck die fatale Debatte erneut. Man brauche „eine Ausnahme“ für „Menschen, die in besonders harten Situationen arbeiten“, fordert er gerade so, als hätten die Experten von Union und SPD nicht in monatelangen Verhandlungen eine milliardenteure Sonderregelung vereinbart. Und wieder nennt der Pfälzer die Dachdecker, denen er „nicht mit der demographischen Entwicklung kommen“ könne.

Natürlich dauert es nicht lange, bis die Parteilinke das Signal dankbar aufnimmt. Sie träumt schon vom Ausstieg aus dem zentralen Reformprojekt der großen Koalition im Jahr 2010.

Wahrscheinlich will Beck mit seinen Lockerungsübungen die Gewerkschaften beeindrucken. Tatsächlich aber ermuntert er sie, demonstriert sein schlechtes Gewissen über die eigene Politik und demontiert den verantwortlichen Minister Müntefering. Dabei hätte die SPD bei der Rente allen Grund, mit Stolz vors Wählerpublikum zu treten. Nach der Blümschen Ära des Verdrängens und Schönredens haben die Ressortchefs Riester und Müntefering gegen massivste Widerstände den nötigen Paradigmenwechsel in der Alterssicherung durchgesetzt. Sie haben das System um eine private Säule ergänzt und die gesetzlichen Leistungen auf ein bezahlbares Niveau begrenzt. Damit sind die Kosten halbwegs fair zwischen Jung und Alt verteilt: Generationengerechtigkeit – ein mutiger und strategisch denkender Parteichef würde dies zu einem offensiven Wahlkampfthema machen!

Doch mit Beck geben in der SPD die Bedenkenträger den Ton an. Und dies ausgerechnet in einer konjunkturellen Situation, die jeden Optimismus rechtfertigt. Gerade erst hat die Beschäftigungsquote der über 55-Jährigen die 50-Prozent-Marke überschritten. Vor vier Jahren lag sie noch unter 40 Prozent. In den Betrieben erzwingt der Fachkräftemangel eine Trendwende: Der verhängnisvolle Jugendkult ist zunehmend „out“.

Auch der schrille Protest der Gewerkschaftler gegen die Rente mit 67 dürfte bald verstummen, wenn die angegraute Basis begreift, dass sie von der Reform gar nicht betroffen ist. Und der 30-jährige Dachdecker wird sich darauf einrichten, dass er im Laufe seines Berufslebens wechselnde Tätigkeiten ausüben muss. Schon heute steht kein 65-Jähriger mehr auf dem First. In einer schrumpfenden und alternden Bevölkerung ist die Wirtschaft auf das Know-how der Älteren angewiesen. Was spricht dagegen, erfahrene Kollegen in Kundendienst und Beratung einzusetzen?

Dazu freilich müssten Weiterbildung und Prävention in den Betrieben ein stärkeres Gewicht erhalten. Zu Recht mahnen reformorientierte Sozialdemokraten hier Verbesserungen an. Ein Engagement auf diesem Feld wäre sehr viel sinnvoller als ein absurder Ausstieg aus eigener früherer Erkenntnis.

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