Leitartikel
Harakiri einer Gewerkschaft

Bei der Deutschen Telekom läuft in diesen Tagen die Urabstimmung über einen der dümmsten Arbeitskämpfe in der deutschen Nachkriegsgeschichte. Wenn die Gewerkschaft Verdi streikt, woran niemand mehr zweifeln sollte, kann sie dem Konzern zwar sehr schaden.

Die Beschäftigten (und damit auch sich selbst) treibt Verdi aber in eine kollektive Harakiri-Strategie. Dieser Arbeitskampf kann nur mit einer Niederlage für die Gewerkschaft enden: Entweder zieht René Obermann die geplante Ausgliederung der Servicebereiche zwecks Senkung der Personalkosten trotzdem durch – dann rennt die Gewerkschaft in eine krachende Niederlage. Oder Verdi setzt sich noch einmal mit ihrem Betonkurs durch – dann schlägt über kurz oder lang die Stunde der Finanzinvestoren, und mit der Zerschlagung des Konzerns endet Verdis Rolle bei der Telekom.

Viele übersehen gegenwärtig, dass es bei der Deutschen Telekom nicht um eine normale Tarifauseinandersetzung geht. Bei den üblichen Lohnrunden gehören Streikdrohungen und Arbeitsniederlegungen in einer demokratischen Gesellschaft zum normalen Instrumentarium des Arbeitskampfs. Die einen bieten zwei, die anderen fordern sechs Prozent mehr Lohn, am Ende einigt man sich auf 3,5. So funktioniert Tarifautonomie. Aber so wird nicht die Auseinandersetzung bei der Telekom laufen.

Der Vorstand der Deutschen Telekom steht in diesem Konflikt mit dem Rücken an der Wand. Alle Sparprogramme der Vergangenheit haben die Grundprobleme eines Konzerns nicht gelöst, der im harten Wettbewerb ständig Kunden und Marktanteile verliert. Der immer noch hohe Cash-Flow des Konzerns, auf den die Verdi-Strategen im jetzigen Streit neidisch schielen, spiegelt die noch auskömmliche Gegenwart der Telekom wider. Der Aktienkurs aber, der seit Jahren wie ein Stein am Boden liegt, signalisiert die traurige Zukunft des Unternehmens. Die Finanzmärkte lügen nicht. Sie bilden rationale Erwartungen an ein Unternehmen ab. Diesen Zusammenhang können oder wollen die Verdi-Funktionäre nicht begreifen.

In Wahrheit proben sie bei der Telekom einen politischen Streik: Sie wollen Druck machen, damit die Politik Obermann in den Arm fällt. Im Kern verhält sich Verdi bei der Telekom immer noch wie die alte ÖTV früher im öffentlichen Dienst: Sie will so lange streiken, bis der Bundesfinanzminister umkippt, nicht etwa der Telekom-Vorstand. Vielleicht geht diese Rechnung sogar noch einmal auf. Vielleicht schaut Peer Steinbrück als SPD-Politiker lieber auf sein Parteibuch und nicht als Großaktionär auf den Kurs-Chart der Telekom. Verdi kann sich vielleicht noch einmal zum Sieg schleppen, aber trotzdem nicht gewinnen. Nach Obermann kommt nicht der gute Papa Telekom, danach kommen die Heuschrecken. Nichts Schlimmes aus ökonomischer Sicht, aber die Hölle für Verdi.

Viele gebildete Industriegewerkschafter der alten Schule kannten sich gut in der Geschichte aus. Vielleicht sollten auch die Funktionäre der neuen Generation mal die Schlacht bei Asculum nachschlagen. Wie sagte Pyrrhus? „Noch so ein Sieg und wir sind verloren.“

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