Leitartikel
Jobflaute und Preisfieber

Das Wachstum stolpert, die Preise jagen hoch: Mit ihrer geldpolitischen Lockerung ist die US-Notenbank eine brandgefährliche Wette eingegangen. Ein Gespenst geht um in Amerika. Es ist nicht die seit langem sichtbare Rezessionsgefahr.
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Vielmehr wächst an den Finanzmärkten die Furcht, dass ein Inflationsschub die bereits taumelnde US-Wirtschaft vollends in den Abgrund stößt.

Die Warnsignale sind eindeutig: Die Preise für Weizen, Gold und Öl haben neue Rekordhöhen erreicht. Der Dollar wird täglich schwächer und ist gegenüber seinen wichtigsten Handelswährungen auf den tiefsten Stand seit 25 Jahren gefallen. Die allgemeine Preissteigerungsrate in den USA beträgt stolze 3,7 Prozent. Selbst wenn man die stark schwankenden Energie- und Lebensmittelpreise außen vor lässt, liegt die sogenannte Kerninflation mit 2,2 Prozent deutlich über der Toleranzgrenze der amerikanischen Zentralbank Fed.

Deren Chef Ben Bernanke sitzt damit in einer Zwickmühle. Sein gesetzlicher Auftrag ist es, sowohl für stabile Preise als auch für eine ausreichende Beschäftigung zu sorgen. In wirtschaftlich guten Zeiten lässt sich dieser Zielkonflikt auflösen. In Krisenzeiten wie diesen muss sich die Federal Reserve (Fed) jedoch entscheiden, welches Ziel Vorrang hat. Bisher haben sich Bernanke & Co. auf den Kampf gegen die Rezession konzentriert. Ihre Medizin, massive Zinssenkungen von 2,25 Prozentpunkten seit September 2007, hat jedoch die wirtschaftliche Talfahrt bislang nicht stoppen können.

Im Gegenteil. Die Nebenwirkungen der geldpolitischen Lockerung haben die Inflation wiederbelebt, die voreilige Ökonomen vor wenigen Jahren bereits totgesagt hatten. Das Vertrauen in den Dollar sinkt mit jeder weiteren Zinssenkung, der Preis für eine Unze Gold – ein zuverlässiger Indikator für die Inflationserwartungen in der Wirtschaft – hat fast die 1 000-Dollar-Marke erreicht. Die Anleihemärkte preisen ebenfalls steigende Inflationsraten ein.

So könnte die Rettungsaktion der Fed zu einer Stagflation führen, bei der steigende Preise sich mit einer stagnierenden Wirtschaft paaren. Das gab es schon einmal in den 70er- und 80er-Jahren, als zwei Ölpreisschocks die Weltwirtschaft in die Krise stürzten. Jetzt hat der Ölpreis inflationsbereinigt den Rekord von April 1980 gebrochen. Droht uns erneut eine weltweite Wirtschaftskrise, aus der nur eine tiefe Rezession wieder herausführt?

So weit muss es nicht kommen. Die amerikanische Notenbank setzt darauf, dass die Inflation zurückgeht, wenn die Konjunktur weiter an Fahrt verliert. Zudem kalkuliert die Fed, dass der Preisschub auf den Rohstoffmärkten weniger auf die höhere Nachfrage aus Schwellenländern wie China zurückzuführen sei als vielmehr auf vorübergehende Spekulationen. Und: Anders als vor 30 Jahren hat der Inflationsschub nicht zu einer Preis-Lohn-Spirale geführt. Wenn Wachstum und Beschäftigung zurückgehen, fehlt der Zündstoff für eine Lohnexplosion.

Dennoch ist die Wette von Bernanke äußerst riskant. Ein baldiger Rückgang der Rohstoffpreise ist keineswegs sicher. Sein Spiel mit dem Dollar könnte in einem Crash der US-Währung enden. Der schwierige Balanceakt zwischen Wachstumsförderung und Inflationsbekämpfung wird ihm nur gelingen, wenn er später die Leitzinsen genauso schnell wieder anhebt, wie er sie jetzt lockert.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent

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