Leitartikel
Kein Pardon bei roten Zahlen

Wieder Chrysler: In den nächsten Wochen wird es bei der amerikanischen Tochter des Stuttgarter Daimler-Konzerns voraussichtlich einen Verlust von einer halben Milliarde US-Dollar geben. Eigentlich sollte bei Chrysler Ruhe eingekehrt sein – nach den Milliardenverlusten vor sechs Jahren.

Zum Glück für die Stuttgarter geht es bei Mercedes aufwärts: Die Sanierung greift dort, nach dem hohen Verlust vor einem Jahr schreibt die Premiumsparte wieder schwarze Zahlen.

Ob Daimler, VW, Siemens oder auch Tui – viele Großunternehmen haben nur einen Teil ihrer Sparten im Griff. Bei Volkswagen schrammte die Kernmarke VW vor einem Jahr an der Nulllinie entlang, Audi musste den Konzern über Wasser halten. Bei Siemens ist die IT-Tochter SBS schon traditionell der klassische Problembereich, gute Zahlen liefert hingegen die ertragsstarke Medizintechnik.

In der Vergangenheit reichte es noch für eine allgemein akzeptierte unternehmerische Leistung, die Balance zwischen Gewinn- und Verlustsparten einigermaßen hinzubekommen. Hauptsache, dass der gesamte Konzern am Ende ordentliche Gewinne schrieb. Konzernchefs wurden selten dafür getadelt, wenn sie Problemsparten mit Verlusten durchschleppten.

Doch damit ist es heute vorbei. Niemand kann es sich erlauben, schwache Konzernteile durch die Quersubventionierung aus gut laufenden Sparten am Leben zu erhalten. Dafür sorgen strenge Finanzmärkte, stärker engagierte Kleinaktionäre und die besonders aufmerksamen institutionellen Anleger.

Wer sich nicht an die Spielregeln hält und die Effizienz aller Konzernsparten nicht auf Vordermann bringt, dem drohen erst recht ernste Konsequenzen. Denn auf Schwächen warten Anleger aus dem Private-Equity-Bereich nur: Unternehmen, in denen nur ein Teil der Sparten optimal funktioniert, sind für sie ein besonders beliebtes Übernahmeziel. Der Tui-Konzern kennt dieses Spiel genau. Schon zwei Mal in den vergangenen Wochen kochte die Gerüchteküche, dass Tui ein mögliches Übernahmeziel sein könnte, auch von Finanzanlegern aus dem Private-Equity-Bereich. Bei Tui gibt es das Problem der gut und der schlecht funktionierenden Sparten. Der Tourismus hat dort die lange erhoffte Ertragsstärke nie erreicht, nur das Frachtgeschäft schafft ordentliche Zahlen.

Tui-Chef Michael Frenzel hat damit ein Problem. Er muss schnell dafür sorgen, dass die Balance in seinem Konzern stimmt. Sonst könnte aus den Übernahmegerüchten Realität werden. Siemens-Chef Kleinfeld ist da schon ein Stück weiter: Die Hälfte der Konzernsparten erreicht die hauseigenen Renditeziele. Und Kleinfeld ist auf gutem Weg, auch den Rest auf Kurs zu bringen. Was nicht sanierungsfähig ist, wird verkauft – wie die Handysparte.

Wer die Hausaufgaben macht, sichert die Zukunft seines Unternehmens. Sie sind zwar meistens mit schmerzlichen Einschnitten verbunden, zu denen es aber keine echte Alternative gibt. Sogar der VW-Konzern, der lange Zeit als sanierungsunfähig galt, kommt voran. Im abgelaufenen Quartal hat die Marke VW wieder verdient. Ein Anfang ist in Wolfsburg also immerhin geschafft. Das ist ein gutes Signal, an dem sich auch viele andere Unternehmen orientieren sollten.

Stefan Menzel ist beim Handelsblatt der Spezialist für die Automobilbranche.
Stefan Menzel
Handelsblatt / Korrespondent Automobilindustrie
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