Leitartikel
Kommentar: Zwang zu neuer Glaubwürdigkeit

Die Finanzkrise lässt keinen Stein auf dem anderen. Sie zwingt nun auch dazu, naive Faktengläubigkeit durch eine neue Glaubwürdigkeit zu ersetzen.
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Die Börsen jubilieren. Die Anleger aber bleiben misstrauisch: Auch die neueste Feuerwehraktion löst die tiefer liegenden Probleme nicht. Hier geht es um mehr als nur einen Einzelfall: Auf breiter Front gehört die naive Gläubigkeit gegenüber scheinbar unumstößlichen Fakten und Autoritäten in Wirtschaft, Staat und Gesellschaft der Vergangenheit an. Was tritt an ihre Stelle?

Glaubwürdigkeit ist die neue Wahrheit, die in aristotelischem Sinn das Vertrauen in eine Person und ihren Charakter begründet. Übertragen gilt das auch für Unternehmen. Die bitteren Erfahrungen der vergangenen Monate an den Finanzmärkten erzwingen die neue Werteskala. Spürbar wird das erst in Ansätzen. Doch der Prozess ist nicht aufzuhalten. Je schlimmer die Kreditkrise über uns hereinbricht, desto tiefer gehen die Veränderungen.

Erstes Opfer des Vertrauensverlustes waren die Ratingagenturen. Lange Zeit galten sie als Garanten der Zuverlässigkeit in der postindustriellen Gesellschaft. Die Bestnote „AAA“, vergeben von den Bonitätswächtern Standard&Poor’s, Moody’s und Fitch, galt nicht als simple Bewertung, sondern als Fakt, auf den man sein Vermögen setzen konnte. Doch es zeigte sich, dass darauf kein Verlass ist. Erstklassig benotete Wertpapiere fielen in kürzester Zeit auf das Kursniveau von Schrottanleihen.

Das Bollwerk der Faktengläubigen erschüttern auch die gefallenen Helden an der Wall Street und in Europa. Obwohl die gefeuerten Chefs von Citigroup und Merrill Lynch, Chuck Prince und Stan O’Neal, durch ihre Geschäftspolitik den betroffenen Konzernen Milliardengräber schaufelten, verteidigen sie noch heute ihre mehrstelligen Millionengehälter. Geht es hier um objektive Leistung? Oder um ein Bankenlotto, bei dem die Vorstände immer die Gewinner sind, Anleger und Arbeitnehmer aber die Dummen?

Doch nun treiben neue Vorstandschefs den Wandel voran, aus purem Überlebenswillen. Sie brauchen Glaubwürdigkeit und Vertrauen, weil die alten Orientierungspunkte nicht mehr taugen. Noch nie haben Banker aus aller Welt so häufig, so lange und intensiv miteinander gesprochen. Im entscheidenden Moment der Zuspitzung der Krise sind sie auf die Hilfe der Kollegen angewiesen. Die gibt es nur, wenn Vertrauen wächst – wenn es bislang auch nur von der Not erzwungen ist.

Glaubwürdigkeit muss aber im Alltag gelebt werden. Topmanager wie der ehemalige Post-Chef Klaus Zumwinkel sind angesichts ihrer Vorbildfunktion zur Steuerehrlichkeit verpflichtet. Trotz aller Kritik an zu hohen Steuern: Rechtsbruch ist kein Kavaliersdelikt. Die Gesellschaft bot ihnen die Lebenschancen, die sie erfolgreich nutzten. Da ist es nicht mehr als recht und billig, wenn sie etwas zurückgeben. Liechtenstein ist ein Steuerparadies, aber die Hölle für eine Gesellschaft, die auf Vertrauen angewiesen ist.

Die Zukunft gehört den Führungskräften, die in der Krise heranwachsen. Wenn sie Glaubwürdigkeit und Integrität zeigen gegenüber Mitarbeitern und Investoren, setzen sie neue Wertmaßstäbe in Wirtschaft und Politik – und nehmen den Rest der Gesellschaft mit.

Robert Landgraf
Robert Landgraf
Handelsblatt / Chefkorrespondent Finanzmärkte

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