Leitartikel
Kontrolle für Kontrolleure

Die große Koalition im Bund schickt sich an, eine heimliche Koalition unter Managern zu brechen. Schwarz-Rot will die lang gepflegte Tradition kippen, nach der Vorstände nahtlos in den Aufsichtsrat ihrer Unternehmen wechseln. Eine schöne Bescherung kurz vor Weihnachten.

Doch Überraschung wäre geheuchelt. Zu konsequent haben viele Top-Manager die Brisanz des Themas über Jahre ausgeblendet. Und der Versuch, die Wechselautomatik über den Corporate-Governance-Kodex zu ändern, ist so halbherzig, dass die Gesetzesinitiative zu erwarten war. Niemand begreift, dass Manfred Schneider bei Bayer oder Henning Schulte-Noelle bei der Allianz unbedingt nach ihrem Vorstandsjob direkt auf den Chefsessel des Aufsichtsrats wechseln mussten.

Diese Manager sind keine Ausnahme, sondern die Regel. Ein großer Teil der führenden börsennotierten Konzerne wird heute von den ehemaligen Vorstandsvorsitzenden kontrolliert. Zuletzt tauschte Heinrich von Pierer Sessel und Titel, mit den bekannten Folgen. Von Pierer ist in die Kritik geraten, weil Zweifel an seiner Eignung als Aufklärer im Korruptionsskandal bei Siemens bestehen. Die Initiative von CDU und SPD wirkt wie eine „Lex Pierer“, doch dürfte der offensichtliche Interessenkonflikt des Siemens-Chefaufsehers nur das Fass zum Überlaufen gebracht haben.

Populisten missbrauchen das Thema, wenn sie schnell von Selbstbedienung reden. Und langjährige Führungskräfte bringen sicher gute Kontakte sowie Fachwissen mit in ihren neuen Job als Kontrolleure. Aber sind sie neutral? Bei der Wahl eines Aufsichtsrats konkurriert die Unabhängigkeit mit dem Know-how. Manager machen es sich zu leicht, wenn sie den lückenlosen Übergang damit verteidigen, dass nur so wertvolles Wissen für das Unternehmen erhalten werden könne.

Die Gegenfrage ist erlaubt: Geht denn die Konkurrenz zugrunde, weil sie sich für einen neutralen Aufsichtsratschef entschieden hat? Der Beweis, dass die Konzerne besser performen, in denen die Vorstandschefs nur Büro und Türschild wechselten, dürfte schwer zu führen sein. Im Gegenteil: Eher gibt es bei ihnen massive Konflikte, weil der Alte sich vom Neuen seine Strategie nicht zerschlagen lässt. Vergessen wird zudem: Aufsichtsräte und Vorstände haben ganz unterschiedliche Funktionen. Die einen führen die Geschäfte, die anderen überwachen. Managen sollen sie jedenfalls nicht. Deshalb wird das spezielle Knowhow auch zu hoch gewichtet. Wirklich gute Aufsichtsräte haben strategischen Weitblick für die große Linie. Den Pförtner müssen sie nicht kennen.

Natürlich muss der Staat sich nicht in Dinge einmischen, die Gegenstand freiwilliger Selbstkontrolle sein sollten wie Fragen der Unternehmensführung. Deshalb gibt es ja seit fünf Jahren den deutschen Corporate Governance Kodex. Ein Gesetz gegen den sofortigen Wechsel in den Aufsichtsrat würde die Kodex-Kommission unter Gerhard Cromme nach der Niederlage bei der Offenlegung von Vorstandsgehältern zum zweiten Mal desavouieren. Wenn aber die Manager selbst nicht in der Lage sind, den Zielkonflikt zwischen Unabhängigkeit und Kompetenz der Aufsichtsräte zu lösen, dann gibt es keinen anderen Weg.

Dieter Fockenbrock
Dieter Fockenbrock
Handelsblatt / Chefkorrespondent
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%