Leitartikel
Langer Anlauf, kurzer Sprung

Ist die Entscheidung für den Ausbau des Frankfurter Flughafens ein „historischer Tag“ – wie es Flughafen-Chef Wilhelm Bender eiligst intonierte? Nein, das ist die Entscheidung über den vier Milliarden Euro teuren Bau einer vierten Landebahn und eines dritten Terminals sicher nicht.
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Weder für den Flughafen Frankfurt noch für die Lufthansa, die ihren Heimathafen in Frankfurt hat, noch für den Standort Deutschland.Der Flughafenbetreiber Fraport hat zehn Jahre auf diesen Planfeststellungsbeschluss gewartet. Zehn Jahre – das ist in einem der sich weltweit am dynamischsten entwickelnden Wirtschaftszweige wie der internationalen Luftfahrt eine ganze Ewigkeit. Der größte deutsche Flughafen hat in dieser Zeit aufgrund von Kapazitätsengpässen nur begrenzt am Wachstum des Luftverkehrs teilnehmen können. Mit dem Beschluss sind zudem Auflagen verbunden. Das Nachtflugverbot wird weiter verschärft, und die Bagger für den Bau der Landebahn werden trotz „Sofortvollzug“ noch lange nicht rollen. Ab Januar haben alle Beteiligten die Möglichkeit, beim hessischen Verwaltungsgericht Klagen einzureichen.

Die Deutsche Lufthansa profitiert vom Kapazitätsausbau in Frankfurt als größter Kunde zwar stark, doch die genehmigten 17 Nachtflüge sind nur ein Bruchteil dessen, was allein die Lufthansa braucht. 41 Nachtflüge hatte der Kranichkonzern als „begründeten Bedarf“ angemeldet.

Auch für den Standort Deutschland ist es kein großer Wurf. Deutschland droht im internationalen Wettbewerb ins Hintertreffen zu geraten. Die Golfstaaten Dubai und Katar haben für ihre Fluggesellschaften Emirates und Qatar Airways in null Komma nichts internationale Flughäfen aus dem Sand gestampft. Und weitere Milliarden werden wie Wasser durch ein Wüstenwadi schießen, damit Startbahnen von bis zu fünf Kilometer Länge auch der A380 das Abheben ermöglichen. Nicht gerade fortschrittlich im internationalen Vergleich ist auch der 2 500 Seiten umfassende Planfeststellungsbeschluss, der den Beteiligten erst am 7. und 8. Januar 2008 offiziell zugestellt werden soll. Mit dem Werk stellt sich das Bürokratiewunderland Deutschland mal wieder selbst ein Zeugnis aus.

Der 18. Dezember 2007 wird auch deshalb nicht als historischer Tag in die Geschichtsbücher eingehen, weil Frankfurt nicht der Nabel der deutschen Wirtschaft ist, sondern ein von der Lufthansa künstlich geschaffenes Drehkreuz, das von Zubringerflügen lebt. Den größten deutschen Flughafen nur gemäßigt auszubauen ist daher vernünftig. Das Einzugsgebiet Rhein-Main ist nicht zu vergleichen mit denen der beiden größten europäischen Flughäfen, Paris-Charles-de-Gaulle und London-Heathrow. Es ist sogar deutlich kleiner als das des viertgrößten deutschen Flughafens Düsseldorf.

Will Deutschland im internationalen Wettbewerb nicht hinterherhinken, braucht es eine Luftverkehrsinfrastruktur, die sich an die starken Wirtschaftsräume und den regionalen Bedarf anpasst. Auch in München, Düsseldorf, Hamburg und Berlin ist der Ausbaubedarf und -wille groß. Dem schneller gerecht zu werden ist die eigentliche Aufgabe. Wenn im Ergebnis die innerdeutschen Zubringerflüge nach Frankfurt abnähmen, wäre das sogar im Sinne des Klimaschutzes.

Tanja Kewes
Tanja Kewes
Handelsblatt / Chefreporterin

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