Leitartikel
Leuchtturm in Oberbayern

Der Transrapid wird gebaut: Letzte Scheingefechte um Geld und Genehmigungen werden daran wohl kaum etwas ändern.
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Politik und Industrie liegen sich in den Armen und feiern den Durchbruch einer großen Technologie. Und Kanzlerin Angela Merkel kann damit ihr Versprechen einlösen, die politische Wende in der Technologiepolitik mit „Leuchtturmprojekten für jedermann sichtbar“ zu machen. Aber haben wir wirklich Anlass zum Feiern?

Die Tinte ist noch nicht trocken unter der Vereinbarung zwischen Industrie, Bahn, Bund und Bayern, da treten schon die Kritiker und Bedenkenträger auf den Plan. Ist der Festpreis des Milliardenprojekts gesichert, werden Steuergelder verschleudert, sind alle Planungshürden genommen? Und: Ist es nur ein Abschiedsgeschenk an den scheidenden Landeschef Stoiber? Wir führen wieder diese mühsame und so typisch deutsche Debatte.

Genau hier liegt das Problem: Wir zerreden Techniken mit Exportpotenzial, statt unsere Energien und Ressourcen darauf zu konzentrieren, sie am richtigen Ort, beim richtigen Kunden einzusetzen. Auf den Transrapid bezogen: Den braucht, wenn wir ehrlich sind, hierzulande wirklich niemand. Und schon gar nicht, um aus der Münchener Innenstadt zum Flughafen zu rasen. Das ist eine Verkehrstechnik für andere Regionen der Welt, nicht für das dicht besiedelte Mitteleuropa.

Doch in den USA und in China ließe er sich erfolgreich nutzen. Da gehört er als Leuchtturm hin, zur Not mit staatlicher Hilfe, nicht nach München. Es geht darum, wie wir Deutschen unseren Erfindergeist, unser Wissen zu Reichtum machen, wie wir es passend einsetzen und vorzeigen.

Wir klagen darüber, dass Deutschland im globalen Wettbewerb um die besten Köpfe auf der Verliererseite steht, dass Technik und Naturwissenschaften junge Menschen nicht begeistern, dass in anderen Ländern mächtige industrielle Technologieführer entstehen. Aber zugleich leisten wir uns den Luxus, Neues so lange abzuwägen, bis andere ein Geschäft daraus machen. Und im Zweifel sogar mit deutscher Basistechnologie wie beim Walkman oder MP3-Player. Der Transrapid demonstriert das Dilemma dieses angeblich so technikbegeisterten Landes: Wir debattieren über Prinzipien, statt Marktchancen aufzuspüren, die auf neuen Pfaden liegen.

Beispiel Automobilindustrie: PS-technisch sind Porsche und Co. Weltmeister. Doch beim Thema Klimaschutz haben die erfolgsverwöhnten Autokonzerne versagt. Die Führung drohen andere zu übernehmen, die Japaner etwa. Sicher werden die deutschen Hersteller den Rückstand aufholen, nur stehen sie nicht an der Spitze der Entwicklung emissionsarmer Antriebe. Die Folgen werden wir in einigen Jahren sehen.

Manchmal ist der Zug sogar schon abgefahren. In Teilen der Biotechnologie etwa, beim Transrapid war es fast zu spät. China wollte die Weiterentwicklung an sich reißen. In der Kernkraftwerkstechnik droht mit Frankreich ein vergleichbares Schicksal. Wenn der Bau einer Magnetschwebebahn in Deutschland als Zeichen für einen Sinneswandel stünde, wäre er eine gute Entscheidung. Als politisches Symbol ist der Transrapid eine teure Fehlinvestition: Leuchttürme setzt man nicht ins Binnenland.

Dieter Fockenbrock
Dieter Fockenbrock
Handelsblatt / Chefkorrespondent

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