Leitartikel
Mehr Logik statt Angst

Immer wenn in Deutschland über Russland debattiert wird, schwingt vor allem eines mit: Angst und Misstrauen. Dabei ist es egal, ob es um Pollonium-Morde in Großbritannien oder um einen Gasstreit Russlands mit der Ukraine geht. Reflexartig und aufgeregt werden dunkle Bedrohungsszenarien konstruiert.

Nun geht es wieder einmal um einen Gasstreit. Diesmal zwischen Russland und Weißrussland. Und wieder schwingt die Sorge mit, die Deutschen könnten im Winter in der Kälte sitzen, weil Moskau den Gashahn als politisches Druckmittel gebraucht. Da hilft auch kein Hinweis darauf, dass wir über Jahrzehnte andere Erfahrungen gemacht haben. Doch wenn schon frühere Erfahrungen nicht beruhigen, kann vielleicht die Logik die Angst etwas abmindern. Der Streit mit Weißrussland ist kein „zweiter Fall Ukraine“. Damals gab es den Verdacht, Russland wolle eine politisch missliebige Regierung abstrafen. Heute setzt Gazprom seine Wirtschaftsinteressen sehr harsch gegen den letzten Moskau-treuen Herrscher im einstigen Sowjetraum durch. Damals ging es um den möglichen Stopp von rund 100 Mrd. Kubikmetern Gas pro Jahr. Heute geht es um sehr viel geringere Mengen.

Dazu kommt ein anderer Punkt: Moskau spielt seine Stärken zwar auf eine sehr viel plumpere und barschere Art aus, als dies etwa westliche Staaten tun. Aber die Risiken sind fein kalkuliert und die Konflikte begrenzt: Die Preissteigerungen treffen bisher privilegierte, aber schwache Länder wie die Ukraine, Georgien und Weißrussland. Die Beziehungen zwischen der EU und Russland sind dagegen von ganz anderer Natur: Moskau braucht Deutschland und die EU mindestens so stark, wie wir das russische Gas brauchen. Noch auf lange Jahre hinaus sichert das Gas- und Ölgeschäft mit Europa den Großteil der Einnahmen sowohl der Gazprom als auch des russischen Staates. Weil sich Gazprom an Pipelines und Vertriebssystemen bis zum Endkunden beteiligt, würde sich die Firma mit einem Gasstopp gleich mehrfach selbst schaden. Mehr Gelassenheit im Umgang mit Russland wäre deshalb im neuen Jahr angebracht.

Es hat übrigens auch etwas Befreiendes, der Logik den Vorzug vor Angst und alten Vorurteilen zu geben. Bisher hat die wachsende Abhängigkeit von russischen Rohstoffen nicht nur Abneigung, sondern auch Fatalismus erzeugt. Viel zu lange war deshalb propagiert worden, man dürfe Russland wegen möglicher Repressalien nicht offen kritisieren. Doch wer erkennt, dass die Abhängigkeit in Wahrheit eine gegenseitige ist, starrt nicht mehr wie ein Kaninchen auf die Schlange. Tatsächlich haben Deutschland und Europa einen enormen Handlungsspielraum. Er erlaubt, Russland offen zu sagen, dass es sich mit solch abrupten Preiserhöhungen keinen Gefallen tut. Und er erlaubt den kritischen Hinweis darauf, dass sich ein Land auf Dauer schwächt, wenn es demokratische Freiheiten und die Gewaltenteilung im Staate einschränkt. Und er gestattet alle Anstrengungen, um die Abhängigkeit von einem einzelnen Energieversorger zu reduzieren:durch den Bau von Netzverbindungen, die mögliche Erpressungen einzelner Staaten unmöglich machen, und durch die verstärkte Suche nach weiteren Lieferanten von Gas und Öl.

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