Leitartikel
Muskelspiele auf Papier

Die Finanzchefs deutscher Konzerne haben ein neues Steckenpferd mit Furcht erregendem Namen: Contractual Trust Arrangements.

Dabei verbirgt sich hinter dem Wortmonster ein simpler Vorgang. Pensionsverpflichtungen gegenüber den Mitarbeitern werden an Treuhänder ausgelagert. Milliardenbeträge lassen BASF, Henkel, Siemens und Co. auf diesem Weg aus ihren Firmenbilanzen verschwinden. Ein langweiliger bilanztechnischer Vorgang, möchte man meinen.

Doch in Wahrheit ist das der Kotau deutscher Manager vor angelsächsischen Investoren. Die verstehen nichts von Bilanzierungstraditionen und drücken ihre eigenen Regeln durch – mit Macht. Den Pensionären kann es egal sein, ob die Rente aus speziellen Rückstellungen ihrer Ex-Arbeitgeber gezahlt wird oder aus einem „Pension Trust e.V.“. Hauptsache, das Geld landet auf dem Konto. Den ach so renditebewussten Managern in den Vorstandsetagen sollte es aber überhaupt nicht gleichgültig sein. Sie flüchten sich in Ausreden wie: „Außerhalb der Firmenbilanzen können Pensionsgelder viel ertragreicher angelegt werden.“

Das ist natürlich Unsinn. Und das wissen die Finanzmanager genau. Im Durchschnitt erwirtschaften die führenden Konzerne nämlich eine Kapitalrendite von 12,5 Prozent. BASF schafft sogar locker das Doppelte. Das hindert die Ludwigshafener und andere nicht daran, die Pensionsverpflichtungen in einen Trust auszulagern, statt dieses Geld im eigenen Unternehmen mit satter zweistelliger Rendite arbeiten zu lassen. Denn mal ganz im Ernst: Wo gibt der Kapitalmarkt bei solider Anlage derzeit solche Superrenditen her?

Pensionsfonds sind nur ein Beispiel von vielen, die einen unaufhaltsamen Trend markieren: den wachsenden Einfluss angelsächsischer Kapitalmarktprinzipien. Dass deutsche Unternehmen mit der Globalisierung ihrer Geschäfte auch die Internationalisierung ihrer Governance und Bilanzierung in Kauf nehmen müssen, steht völlig außer Frage. Schließlich profitiert dieses Land wie kaum ein anderes von offenen Grenzen und vom freien Welthandel.

Fraglich ist dagegen, ob jede Mode mitgemacht werden muss. Trendsetter sind zumeist die USA. Etwa bei Übertreibungen in der Unternehmenskontrolle, weil Bilanzskandale wie Enron das Selbstverständnis erschütterten. Seitdem beglückt die US-Börsenaufsicht nicht nur amerikanische Firmen mit schärfsten Kontroll- und Haftungsregeln für Manager.

Der Sarbanes-Oxley-Act gilt inzwischen weltweit als ein Ärgernis, weil seine Umsetzung teuer und die Wirkung zweifelhaft ist. Und weil seine Vorschriften zum Teil mit Rechtstraditionen anderer Länder kollidieren. Das kümmert die Initiatoren wenig. Denn wer zahlt, der bestimmt die Musik. Erst recht auf dem Kapitalmarkt.

Sehen wir es also positiv: Deutsche Konzernlenker sollten ihren meist angelsächsischen Kritikern jetzt ein Schnippchen schlagen. Sie können die Muskeln spielen lassen und die Kapitalausstattung ihrer Konzerne deutlich steigern – nur auf dem Papier, dank der Vorlieben des Finanzmarktes und globaler Bilanzierungsregeln. Nur eines schafft die Internationalisierung allen gegenteiligen Behauptungen zum Trotz nicht: mehr Transparenz. Im Gegenteil. Die Spielräume für Zahlentricks sind so groß wie nie.

Dieter Fockenbrock
Dieter Fockenbrock
Handelsblatt / Chefkorrespondent
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