Leitartikel
Notwendige Feuerwehr

Es ist ein kurzes Gedächtnis, das die Kritiker des Internationalen Währungsfonds dazu treibt, dessen Abschaffung zu fordern. Doch ebendas geschieht in schöner Regelmäßigkeit. Schließlich gab es in letzter Zeit kaum noch Finanzkrisen, die das Eingreifen des IWF erforderlich machten. Dies sollte kein Grund zum Verdruss, sondern eigentlich Anlass zur Freude sein. Denn es zeigt, dass sich die Weltwirtschaft heute relativ stabil präsentiert. Dies ist aber noch lange kein Argument dafür, die Auflösung des IWF zu fordern. Über viele Jahrzehnte hat der Fonds bei Krisen geholfen. Und er tut dies bis heute, siehe die Milliardenkredite an Argentinien, Brasilien und die Türkei in den letzten sieben Jahren. Allein die schiere Existenz des Fonds hat dafür gesorgt, dass mancher Emerging Market auf einem soliden Weg blieb, dass Wechselkurse flexibel gehalten, Finanzsysteme reformiert und Handelsschranken abgebaut wurden.

Dass die Krisenfeuerwehr des IWF nun immer weniger gerufen wird, liegt vor allem daran, dass sich die Finanzmärkte geöffnet haben. Im Zeichen der Globalisierung bieten sie heute einen breiten Zugang zu ihren Ressourcen, den es früher nicht gab. Doch dies muss nicht so bleiben. Risiken könnten sogar von den Industrienationen selbst ausgehen, ausgelöst etwa durch einen weiteren Ölpreisanstieg, einen noch steileren Verfall des Dollars und wachsenden Protektionismus. Geriete dann ein Land wieder in die Krise, würde prompt nach dem IWF gerufen. Deshalb bleibt der Fonds lebenswichtig. Allerdings muss sich der IWF schneller der globalisierten Welt anpassen. Und hier muss die Kritik am Fonds und seinem Direktor Rodrigo de Rato ansetzen. Zwar beklagt Rato öffentlich die Selbstzufriedenheit der Regierungen, die sich nur unzureichend gegen künftige Gefahren wappnen würden. Doch er selbst gibt kein gutes Beispiel. So schleppt sich die Reformdebatte innerhalb des IWF zäh dahin. Bestenfalls im September wird es Fortschritte geben, entsprechende Umsetzungen frühestens ab dem Herbst 2008. Statt die aktuelle krisenfreie Phase zur Umgestaltung zu nutzen und Motor der Reformen zu sein, hält Rato den Fonds an der langen Leine.

Dabei liegen die Blaupausen für die Reform bereits auf dem Tisch: So muss die schon vorsichtig begonnene Neuverteilung der Stimmanteile stärker vorangetrieben werden. Dabei ist es richtig, Asien entsprechend seiner gewachsenen wirtschaftlichen Bedeutung mehr Gewicht zu verleihen. Doch die Nutznießer der Veränderungen müssen auch zu Gegenleistungen verpflichtet werden, etwa bei den Wechselkursen. Gestärkt werden muss zudem die Rolle des IWF als Früherkennungs- und Überwachungsinstrument für aufziehende Krisen, gerade mit Blick auf die Währungspolitik. Und schließlich müssen die Grundlagen der internen Finanzierung des IWF perspektivisch neu gelegt werden. Verabschieden sollte sich der Fonds auch von Aufgaben, die nicht die seinen sind, etwa der Entwicklungspolitik. Andere Institutionen wie die Weltbank beherrschen dieses Metier weitaus besser. Gerade dies ist der eigentliche Auftrag für die Anteilseigner von IWF und Weltbank, die sich jetzt in Washington treffen: ihrem Personal genauer auf die Finger zu schauen.

Markus Ziener ist Korrespondent in Washington.
Markus Ziener
Handelsblatt / Korrespondent
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