Leitartikel
Nur keine Bescheidenheit

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Es ist noch ein ungeborenes Baby, aber immerhin mehr als nur ein frommer Wunsch: In Deutschland könnte bald eine neue Großbank mit internationalem Anspruch entstehen. Endlich, nach vielen verlorenen Jahren der Nabelschau und des gegenseitigen Blockierens denken die Protagonisten des Sparkassenlagers und die Bundesländer ernsthaft über das Thema Landesbanken-Konsolidierung nach. Egal, was am Ende dabei herauskommt: Es ist positiv zu bewerten, dass die Kopf-im-Sand-Phase beendet ist, dass die Ministerpräsidenten über ihre Länderschatten springen wollen. Wenn es gut geht, kann sich die deutsche Kreditwirtschaft, die ja im Ausland als viel zu teuer, viel zu zersplittert und viel zu rückständig gilt, bald auf der europäischen Bühne mit einem zweiten Global Player zurückmelden. Das wäre ein echter Fortschritt, da wir in den letzten Jahren krass zurückgefallen sind.

Der Bau der Super-Landesbank ist aber alles andere als ein Selbstläufer, auch wenn die Chance auf eine zukunftsfähige Lösung nie so gut war wie heute. Viel zu viele Köche stehen am Herd: die 450 Sparkassen, ihre kommunalen Träger und Verbände, die in den Aufsichtsräten das Sagen haben. Auch die Landesregierungen und Länderparlamente, die über die Sparkassengesetze mitreden. Und natürlich die Führungscrews in den Landesbanken. Es geht um Pfründe und Macht, um viel Geld und am Ende viel weniger lukrative Führungspositionen als bisher. Aus diesem Geflecht unterschiedlichster Interessen eine wettbewerbsfähige Großbank zu basteln ist ein wahrer Herkules-Akt. Wir sollten also nicht zu früh zu viel erwarten. Allzu große Bescheidenheit bringt aber auch nichts. Das pure Zusammenbinden mehrerer Landesbanken auf die eine oder andere Weise wäre noch kein ausreichend großer Gewinn, wenn man einmal davon absieht, dass viele Doppelarbeiten schrittweise verschwinden würden. Das Hauptproblem vieler Landesbanken – die Konzentration auf einige tausend Großkunden und der fehlende Direktzugang zu den Privatkunden – wird damit nicht gelöst. Daher sollte auch das bisherige Tabu „vertikale Konzentration“, die in den bekannten „Sündenfällen“ Stuttgart, Frankfurt und Berlin sehr erfolgreiche Integration der Landesbanken mit Sparkassen, vom Tisch: Nicht nur die Deutsche Bank braucht eine möglichst breite Heimatbasis, um global erfolgreich zu sein, sondern auch die geplante Super-Landesbank. Der Sündenfall muss zur Regel werden.

Apropos Tabu: Bundesregierung und Privatbanken, die sich das öffentlich-rechtliche Schauspiel jetzt in aller Ruhe per Fernglas anschauen, sind nicht zur Untätigkeit gezwungen. Auch sie können dazu beitragen, dass der Bankplatz Deutschland wieder zu alter Stärke und Reputation findet. Bestes Beispiel: Man kann ja verstehen, dass die noch vom Bund kontrollierte Post AG vor dem Fall des Briefmonopols die Ertragsperle Postbank behalten will, um auch in Zukunft ordentliche Gewinne zu erwirtschaften. Viel besser für den Finanzplatz und damit für die gesamte deutsche Wirtschaft wäre es aber, wenn die Postbank etwa an die Commerzbank verkauft würde. Dann entstünde neben Deutscher Bank und Super-Landesbank eine dritte mächtige Finanzgruppe, die international mitmischen könnte. Der Anstoß dafür muss aus der Merkel-Regierung kommen.

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