Leitartikel
Ohne Logik und Strategie

Dieser Übernahmekampf ist an Spannung kaum zu überbieten. Zwei deutsche Konzerne rangeln um einen dritten, als ginge es um ihr Überleben. Bayer und Merck wollen den Berliner Pharmakonzern Schering, jedes (durchaus legale) Mittel scheint den Kontrahenten recht, um den anderen zu stören. Geld scheint keine Rolle zu spielen, unternehmerische Logik allerdings auch nicht. Darin liegt die Tragik des Falls Schering.

Normalerweise werden Übernahmen mit martialischem Vokabular begleitet. Doch hier von einer Schlacht zu sprechen, das verbietet sich: Es ist viel schlimmer. Bayer und Merck pokern um die Zukunft eines soliden und gesunden Unternehmens. Und wenn sie nicht aufpassen, nimmt nicht nur Schering Schaden, sondern die beiden Spieler verzocken sich auch noch dabei.

Dabei hatte alles so grundsolide angefangen. Merck-Chef Michael Römer wollte seine prall gefüllte Konzernkasse strategisch sinnvoll investieren. Er streckte seine Fühler nach Berlin aus, handelte sich aber eine schroffe Absage ein. Schering reagierte auf das dann folgende feindliche Übernahmeangebot Mercks und überredete Bayer zu einer Gegenofferte. Merck gab aber nur scheinbar auf und mischt sich jetzt, in der Schlussphase des schon verabredeten Geschäfts zwischen Bayer und Schering, wieder ein.

Und jeder fragt sich: Warum? Zwei Motive könnten Merck-Chef Römer treiben. Entweder will er nur Kasse machen und möglichst viel an der Schering-Übernahme verdienen. Was unterscheidet ihn dann vom Manager eines Hedge-Fonds? Oder er setzt darauf, Bayer einen Teil Scherings abpressen zu können. Das würde strategisch Sinn ergeben. Nur zu welchem Preis? Den hätte Römer selbst mit in die Höhe getrieben.

Kommen wir zu Bayer. Die Leverkusener sind nicht das Opfer der Merckschen Taktik, als das sie sich gerne darstellen. Denn was hat Bayer-Chef Werner Wenning eigentlich getrieben, für Schering den weißen Ritter zu spielen, der die Merck-Attacke abwehrt? Noch vor einem halben Jahr wusste Wenning nicht einmal, dass er sich für Schering interessiert. Schon gar nicht, dass er im Sommer bereit sein könnte, weit über 17 Milliarden Euro dafür auf den Tisch zu legen.

Jetzt steuert das Poker um die Berliner auf einen interessanten Wendepunkt zu. Steigt Bayer aus, kostet das den Konzern durch absehbare Kursverluste bei Schering eine runde Milliarde Euro. Gibt Bayer dem Druck Mercks nach, steigt der Übernahmepreis um gut und gerne 600 Millionen Euro. Keine schöne Entscheidungsalternative. Was hat das noch mit durchdachter Unternehmensstrategie zu tun?

Gleich, wie das Pokern um Schering ausgeht: Finanziell dürfte es zum Desaster werden, zumindest für Bayer. Platzt der Deal, bleiben hohe Spesen für das nicht auf Rosen gebettete Unternehmen. Gelingt er, muss Bayer milliardenschwere Risiken in seine Bilanz buchen. Ob Schering das wert ist? Merck kann mit viel Glück richtig Kasse machen. Arg ramponiert ist aber auf jeden Fall das Ansehen deutscher Spitzenmanager. Das ist Schering auf keinen Fall wert.

Dieter Fockenbrock
Dieter Fockenbrock
Handelsblatt / Chefkorrespondent
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