Leitartikel
Pflicht zum Engagement

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Pflicht zum Engagement {Text}

Gut die Hälfte der Deutschen soll Umfragen zufolge das Engagement der Bundeswehr in Afghanistan ablehnen. Eine solche Einstellung ist durchaus verständlich und zu respektieren. Immerhin mussten dort schon 21 deutsche Soldaten sterben. Und die so gut wie täglich zu lesenden Meldungen über blutige Anschläge sind ebenfalls nicht dazu geeignet, die Zustimmung zu stärken. Aber von Emotionen allein dürfen sich die Abgeordneten des Bundestages nicht leiten lassen, wenn sie am heutigen Freitag über eine Verlängerung der deutschen Beteiligung an der am Hindukusch operierenden internationalen Schutztruppe Isaf zu beschließen haben. Denn alles andere als ein von breiter Mehrheit getragenes positives Votum könnte fatale Folgen zeitigen: sowohl für das seit Dekaden geschundene Afghanistan, als auch für das Renommee der deutscher Außenpolitik.

Wenn Bundesverteidigungsminister Jung gerade zum wiederholten Male bekundete, dass durch die deutsche Truppenpräsenz vor Ort bereits viel erreicht worden sei, so mag man dies sicher differenziert werten. Die Lage ist nach wie vor desolat. Fest steht aber, dass man selbst das wenige bisher Geleistete durch eine Order zum Rückzug auf Spiel setzen würde. Die Fakten sind: Heute gehen in Afghanistan wieder mehr als sechs Millionen Kinder zur Schule, darunter auch und gerade viele Mädchen. Unter dem Taliban-Joch war es nur ein Bruchteil. Viele Flüchtlinge sind in ihre Heimatorte zurückgekehrt, sehen zumindest den Ansatz einer Perspektive.

Ein übereiltes deutsches Disengagement könnte einen Dominoeffekt auslösen: 37 Nationen haben Soldaten in Afghanistan stationiert. Sollten ausgerechnet die reichen Deutschen aus klar erkennbaren egoistischen Gründen dem gebeutelten Land eine militärische Absicherung des Wiederaufbaus versagen, dann könnten die Regierungen vieler anderer Länder ihren Bürgern die Notwendigkeit ihres eigenen Engagement erst recht nur noch schwer vermitteln. Und hier kommt der außenpolitische Aspekt zum Tragen: Spätestens seit Beginn der Diskussion über den Irakkrieg reden deutsche Politiker dem Multilateralismus das Wort. Zu Recht, wie das Dilemma demonstriert, in das sich vor allem die Amerikaner im Zweistromland manövriert haben. In Afghanistan haben wir diesen multilateralen Ansatz zumindest zum Versuch der Lösung eines Konflikts. Ein einseitiger Rückzug würde also den eigenen vollmundig bekundeten Willen zum breiten internationalen Engagement Lügen strafen, die eigene Überzeugung ad absurdum führen.

Niemand kann und sollte prognostizieren, wie lange der Einsatz deutscher Soldaten in Afghanistan notwendig sein wird. Von einer Genesung ist das Land noch sehr weit entfernt. Es geht darum, dem Land zu einer sich irgendwann einmal selbst tragenden Sicherheitsstruktur zu verhelfen. Ob die Operation Enduring Freedom, der Krieg gegen Taliban und El Kaida, dies leisten kann, darf und muss angesichts des eher mäßigen Erfolgs sicher hinterfragt werden. Über die Bedingungen für Fortschritte, nicht über einen Abzug muss diskutiert werden. Die Isaf hat außerdem andere, auch humanitäre Aufgaben. Wer davon läuft riskiert, dass das Land zurück in die Steinzeit gezwungen wird.

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