Leitartikel
Putins eigene Realität

Was für Nikita Chruschtschow der Schuh war, ist für Wladimir Putin die verbale Brechstange. Hämmerte der damalige Herrscher des kommunistischen Reiches auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges in der Uno demonstrativ mit dem Schuh auf den Tisch, so lässt der heutige russische Präsident die Drohung verbreiten, Verträge über atomare Abrüstung aufkündigen zu wollen.

Offiziell will der Kreml den US-Plan zum Aufbau eines Raketenabwehrschirms vor Moskaus Toren vereiteln. Und in der Sache hat Moskau durchaus Recht: Die Installierung eines angeblich gegen Iran gerichteten US-Abwehrsystems in Polen und Tschechien muss von Russland im Zuge der immer näher an seine Grenzen vorrückenden Nato als unfreundlicher Akt empfunden werden. Ferner kommen die amerikanischen Ambitionen zur Unzeit: Washington ist auf Moskau angewiesen, will man eine geschlossene Front gegen Teherans Atomprogramm aufbauen. Da können Dissonanzen nur stören. Wenn nun Diplomatie die Kunst ist, hässliche Dinge in schöne Worte zu kleiden, dann ist dies nicht die Welt des George W. Bush. Aber eben auch nicht jene eines Wladimir Putin. Statt die US-Pläne entschlossen, aber diplomatisch zurückzuweisen und damit auch Verbündete in Europa zu gewinnen, poltert er laut gegen Washington und droht mit Vertragsbruch. Damit leistet er seinem Land einmal mehr einen Bärendienst. Und dieser hat eine ähnliche Qualität wie das brutale Zudrehen der Ölpipelines zu den Nachbarn Ukraine und Weißrussland.

Es stellt sich zwangsläufig die Frage, warum dem Kremlchef immer wieder solche Fehler unterlaufen. Putin hat kaum noch kompetente Berater. Jene, die ihm hin und wieder ehrlich die Meinung sagten, wurden ins Abseits geschoben. Heute gilt in Moskau Katzbuckeln als Garantie für Karriere. Zudem: Mit der Abwahl von Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder und Italiens Premier Silvio Berlusconi sowie dem bevorstehenden Abschied des französischen Präsidenten Jacques Chirac hat Putin auf der Weltbühne seine letzten Fürsprecher verloren. So steht Russland, obwohl es in Petro-Rubeln schwimmt und Energiefragen auf dem Globus immer größere Priorität erhalten, außenpolitisch mit leeren Händen da. Wie schon Boris Jelzin hat Putin nur in China noch einen relevanten Verbündeten, der Amerikas Drang zu globaler Dominanz anprangert. Denn mit seiner Neigung, Russlands Energieschätze auch als Waffe zu missbrauchen, hat Putin viele, Moskau eigentlich durchaus wohl gesinnte Regierungen verschreckt. Nun fühlt er sich wegen der kritischen Reaktionen aus dem Westen allein, isoliert, umzingelt. Sein Wüten gegen einen angeblich durch die Amerikaner entfachten neuen Kalten Krieg kann als hilfloses Betteln um Anerkennung interpretiert werden. Aber es ist auch die außenpolitische Bankrotterklärung eines Mannes, dessen Selbstbewusstsein der Realität enteilt ist. Und diese sieht eben so aus: Russland verlöre einen zweiten Kalten Krieg ebenso wie den ersten. Je früher diese Einsicht reift, desto eher kann der Kreml wieder zur Kooperation zurückkehren. Aber vielleicht erst nach Putin.

Der Hamburger ist nach Stationen als Auslandskorrespondent in Moskau, Brüssel und Warschau jetzt Auslandschef des Handelsblatts. Er interessiert sich besonders für Osteuropa, die arabische Welt und Iran.
Mathias Brüggmann
Handelsblatt / Korrespondent
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