Leitartikel
Recht und Vergeltung

"Krieg!“ titeln Israels Zeitungen unisono in fett gedruckten Lettern. Er soll für den Libanon hart und schmerzhaft werden, prophezeit die Regierung in Jerusalem. Denn die Geiselnahme zweier Soldaten an der Grenze zum Zedernland durch die Hisbollah trifft die Israelis noch tiefer ins Mark als jene Entführung durch palästinensische Terroristen im Gaza-Streifen. Und man ist in Israel davon überzeugt, dass der Westen, insbesondere die USA, diese Militäroperation zumindest tolerieren wird.

Dies durchaus zu Recht: Anders als die Palästinenser agiert die Hisbollah vom Territorium eines souveränen Staates aus, sie hat mehrfach eine international anerkannte Grenze überschritten. Eine solche Aggression ist nach dem Völkerrecht eben nichts anderes als Krieg. Dass die Regierung in Beirut und die regulären libanesischen Streitkräfte die Hisbollah nicht zähmen können und offensichtlich aus berechtigter Furcht vor einem innenpolitischen Konflikt auch nicht wollen, stärkt die israelische Argumentation.

Nach der Räumung des Südlibanons im Jahr 2000 haben die Israelis lange Zeit zurückhaltend auf kleinere Scharmützel im Grenzgebiet reagiert. Sie haben die Regierung in Beirut immer wieder aufgefordert, dort reguläre libanesische Truppen zu stationieren. Vergeblich: Ohne Bewilligung der Hisbollah gelangt niemand in das Grenzgebiet. Jetzt, nach der Entführung der beiden Soldaten, mit denen in Israel inhaftierte Libanesen freigepresst werden sollen, ist in Jerusalem der Geduldsfaden gerissen.

Das ist nachvollziehbar. Die Israelis wollen nicht nur beweisen, dass ihr Abschreckungspotenzial trotz der Militäroperationen in den Palästinensergebieten nach wie vor intakt ist. Ziel der Offensive ist es auch, die Hisbollah aus dem Grenzgebiet zu vertreiben.

Allerdings: Die Hisbollah ist dank der Unterstützung aus Syrien und Iran stärker und besser organisiert als die libanesische Armee. Zudem sind die schiitischen Milizen fest mit dem libanesischen Volk vernetzt. Ihr ausgedehntes sozial- und bildungspolitisches Engagement hat ihnen hohe Reputation beschert.

Insofern ist die Zielsetzung der israelischen Offensive sehr ambitioniert. Und ebenso groß sind die Risiken. Denn die jüngste Eskalation wird sich kaum lokal begrenzen lassen.

Sicher, Israels Streitkräfte haben sich auf die Aktion bestens vorbereitet. Esstellt sich aber zwingend die Frage nach den Reaktionen in Syrien und in Iran. Diese beiden Länder haben im vergangenen Jahr immerhin einen Verteidigungspakt unterschrieben. Zudem: Ein anhaltender Krieg im Libanon könnte dort das ohnehin sehr labile Gleichgewicht der Religionen zerstören. Die mögliche fatale Folge: ein neuer Bürgerkrieg, ausgelöst durch die unvermeidliche Machtprobe zwischen den Schiiten und Angehörigen anderer Religionen. Wenn der Libanon aber aus den Fugen gerät, das lehrt die Erfahrung, gerät die ganze nahöstliche Region in Bewegung.

An noch etwas sollten sich die Israelis erinnern: Bis zum Jahr 2000, bis zum Rückzug aus dem Süden des Libanons, verloren dort rund 9 000 ihrer Soldaten das Leben.

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