Leitartikel
Rückfall in die alte Rolle

"2007 sind die Arbeitnehmer dran“, sagt IG-Metall-Chef Jürgen Peters. Wer wollte ihm da ernsthaft widersprechen?

Seit Jahren sinken die Realeinkommen eines Teils der abhängig Beschäftigten. Um uns herum sind die Erwerbseinkommen in den vergangenen Jahren stärker als in Deutschland gestiegen. Es gibt deshalb keinen Grund, den Beschäftigten nun in den Branchen, in denen die Konjunktur brummt, Lohnzuwächse über der Inflationsrate zu verweigern. Zu diesen Branchen gehört auch die Metall- und Elektroindustrie, die aber in der Lohnentwicklung am besten abgeschnitten hat. Auch angesichts ihrer besseren Ausgangslage schießt die IG Metall mit ihrer Forderung von 6,5 Prozent mehr Lohn für die 3,4 Millionen Beschäftigten der Branche weit übers Ziel hinaus. Schwerer wiegt, dass sie sich weigert, einen größeren Teil der diesjährigen Lohnerhöhung als Einmalzahlung zu vereinbaren. Peters begründet dies damit, dass die Produktivitätszuwächse der Branche ebenso wie die Inflationsrate dauerhaft wirkten. Daher müssten auch die Einkommen dauerhaft steigen, also über eine in die Lohntabelle einfließende prozentuale Erhöhung.

Damit verkennt die Gewerkschaft nicht nur, dass ein großer Teil des Produktivitätszuwachses der vergangenen Jahre mit Arbeitsplatzverlusten und Produktionsverlagerungen ins Ausland erkauft wurde. Sie weigert sich auch, zur Kenntnis zu nehmen, dass die alte Lohnformel „Produktivitätszuwachs plus Inflationsrate gleich Verteilungsspielraum“ in Zeiten eines globalisierten Wettbewerbs für exportorientierte Branchen keine Gültigkeit mehr hat. Denn der damit erzielte Wettbewerbsvorsprung kann jederzeit in der harten internationalen Lohnkonkurrenz wieder verloren gehen. Dies gilt gerade für Hochlohnstandorte wie Deutschland. Die einzig sachgerechte Antwort auf diese dauerhaft veränderte Lage wäre der Wechsel zu einer strikt ertragsabhängigen Lohnpolitik, die über differenzierte Einmalzahlungen der unterschiedlichen Wirtschaftskraft der einzelnen Unternehmen Rechnung trägt. Denn sie allein würden dem Tarifkorsett die notwendige Flexibilität verleihen, auf den nächsten Abschwung statt mit Entlassungen und Produktionsverlagerungen ins Ausland mit Lohnsenkungen zu reagieren.

Doch diesen Wechsel verweigert Peters. Die Chance, mitten im Aufschwung lohnpolitisch Vorsorge für die unausweichlich folgende nächste Konjunkturdelle zu treffen, lässt die IG Metall ungenutzt verstreichen. Peters versteigt sich sogar zu der These, die moderate Lohnpolitik der vergangenen Jahre sei ein Fehler gewesen, weil sie die versprochenen Jobs nicht gebracht habe. Sie müsse deshalb in dieser Tarifrunde korrigiert werden. Damit ist die IG Metall auf dem besten Wege, den zaghaften bislang vor allem über den Einsatz von Zeitarbeitern laufenden Beschäftigungsaufschwung in der Metallbranche im Keim zu ersticken. Es droht nun, dass die IG Metall in ihre alte Rolle der jobvernichtenden Lohnmaschine zurückfällt. Das mag einem Teil der Metaller gefallen. Für die Arbeitslosen ist es ein entmutigendes Signal.

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