Leitartikel
Runter mit den Hürden

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Da halten Experten in diesem Jahr ein so starkes Wirtschaftswachstum wie im Boomjahr 2000 für möglich, satte 3,2 Prozent. Andere schließen sogar einen Aufschwung bis an das Ende des Jahrzehnts nicht aus. Den Schwung der Expansion zeigen auch die neuesten Arbeitsmarktdaten: Mit 3,7 Millionen sind so wenige Menschen arbeitslos wie lange nicht. Doch gleichzeitig werden Hürden oder gar Grenzen für den Aufschwung deutlich, die das stetige Wachstum gefährden. Politik und Wirtschaft könnten sie beseitigen – bleiben aber passiv. Es geht nicht um einige Konjunkturindikatoren, die kurzzeitig nach unten zeigen. Nach dem monatelangen steilen Aufwärtstrend musste auf dem hohen Level eine Normalisierung eintreten. Nach wie vor ist die Stimmung so gut wie im Wiedervereinigungsboom, der Aufschwung kräftig.

Doch könnte die Wirtschaft sogar noch weiter zulegen – machten sich nicht ernst zu nehmende Knappheiten bemerkbar. Nicht nur, dass es Unternehmen an Zulieferteilen mangelt. Vor allem der wichtigste Produktionsfaktor fehlt: der Mensch. Genauer gesagt: der hoch qualifizierte Mensch. Dieser Engpass ist nicht nur kurzfristig gefährlich. Er stellt auch Deutschlands komparativen Vorteil im scharfen internationalen Wettbewerb in Frage. Seit der Öffnung des Eisernen Vorhangs und der Einbeziehung Chinas in die globale Wirtschaft treten Millionen billige Arbeitskräfte auf den Weltmärkten auf, so dass teure Industrienationen bei bestimmten Produkten nicht mehr mitspielen können. Umso mehr muss sich Deutschland auf das besinnen, was es kann: forschen und entwickeln.

Was tut das Land stattdessen? Es sägt am eigenen Ast. In diesem Jahr machen nicht einmal eine Million Schüler einen Schulabschluss. Schon 2010 werden es hunderttausend weniger sein. 2020 weitere hunderttausend weniger. Davon studiert nicht einmal jeder Dritte – in Skandinavien sind es sieben von zehn. Und bei anhaltend gutem Wirtschaftswachstum fehlen bis zu 62000 Akademiker jährlich. Wie Auffangnetze unter dem angeknacksten Ast erscheinen da ältere Arbeitskräfte und ausländische Studenten. Aber was passiert? Die Helfer in der Not werden weggestoßen. Die Weiterbildung deutscher Erwerbstätiger spottet jeder Beschreibung. Und die ausländischen Studenten? Sie treten nach Studienabschluss den Weg in die Heimat an – weil sie hier nicht arbeiten dürfen. Ein doppelter Fehlgriff, studieren sie doch häufiger als deutsche Kommilitonen, was wir so dringend brauchen: Naturwissenschaften, Ingenieurswesen.

Zusätzliche Zuwanderer hatte lange erst recht keiner im Sinn. Bildungsministerin und Wirtschaftsminister wollen das nun ändern und die Gehaltsgrenze im Zuwanderungsrecht senken. Die Liste ihrer Gegner aber bleibt lang. Dabei spricht nichts gegen offene Arbeitsmärkte. Inländer aus- und fortzubilden und hoch qualifizierte Ausländer hier zu behalten oder herzuholen, schließt sich nicht aus – es ergänzt sich. Während eine bessere inländische Ausbildung nicht von heute auf morgen funktioniert, ließen sich Hürden gegen Zuwanderer flott einreißen – und so Arbeitskräfte für den Aufschwung gewinnen. Statt Arbeitsmarktdaten zu feiern, sollten Union und SPD handeln.

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