Leitartikel
Serbien nutzt seine Chance

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Nach dem überraschenden Ausgang der Parlamentswahl scheint es, als habe der größte Nachfolgestaat Jugoslawiens aus seiner blutigen Geschichte gelernt. Anders kann man den Vorsprung der Demokratischen Partei von Serbiens liberalem Präsidenten Boris Tadic vor den in Umfragen favorisierten Nationalisten und Sozialisten, also den Erben des Autokraten Slobodan Milosevic, kaum werten.

Noch ist allerdings nicht klar, ob der unerwartete Erfolg des liberalen und proeuropäischen Lagers ausreicht, um eine stabile Regierung zu bilden. Die Koalitionsverhandlungen werden langwierig und verworren werden. Tadics Anhänger möchten den schwersten Klotz abwerfen und nicht mit dem vom demokratischen Milosevic-Gegner zum nationalistischen Propagandisten gewendeten Noch-Premier Vojislav Kostunica paktieren. Der ist unter einen Anteil von zwölf Prozent gefallen und hat so die Quittung erhalten.

Möglicherweise wird Tadic konstruktive Kräfte aus dem Kostunica-Lager herüberziehen wie den Nowy-Serbia-Block des bisherigen Infrastrukturministers Velimir Ilic und die Abgeordneten der nationalen Minderheiten der Ungarn und Albaner. Die wollen keinesfalls mit ihren Stimmen ein Bündnis der Milosevic-Erben an die Macht bringen.

Unerwartet viele Wähler haben sich von den großserbischen Populisten abgewandt. Deren rückwärtsgewandte Ideologie der Ablehnung der EU, des bedingungslosen Festhaltens am Kosovo als Teil Serbiens und der Annäherung an Russland hätte den größten exjugoslawischen Staat wieder tief in die Isolation getrieben.

Denn wie soll ein Bündnis mit Russland aussehen? Wann hat Moskau auf dem Balkan wirklich Wort gehalten? Und wo sind die russischen Firmen, die in Serbien Arbeitsplätze schaffen? Das sind alles Illusionen, die aus serbisch- und russisch-orthodoxen Glaubensbanden erwachsen, aber keine realen Fakten. Die sehen ganz anders aus: Investitionen und Kredite kommen aus dem Westen, die größten ausländischen Investoren in Serbien sind europäische Firmen.

Serbien ist auch für Europa ein wichtiger Partner, das haben die immer häufiger an die Donau drängenden Investoren begriffen. Dort gibt es günstige Standorte, gut ausgebildete Menschen und strategische Verkehrsanbindungen, genügend Potenzial also, um die Beziehungen zwischen der EU und Serbien zu vertiefen. Brüssel sollte den zuletzt eingeschlagenen Kurs nun entschlossen fortsetzen. Denn der knappe Sieg der Demokraten in Belgrad ist auch ein Sieg der EU: Brüssel hat bis kurz vor Wahlbeginn den Serben Avancen gemacht durch das Stabilisierungs- und Assoziierungsabkommen und durch Visa-Erleichterungen. Das Abkommen sollte nun schnell in die Tat umgesetzt werden und später in eine EU-Mitgliedschaft aller Westbalkan-Staaten münden.

Die von außenpolitischen Erfolgen nicht gerade verwöhnte EU sollte aufbauend auf dem Wahlergebnis nun das Schlusskapitel der Balkanhistorie schreiben, einer Geschichte, die meist von Zerfall und Kriegen geprägt war. Damit würde sie die Erfolgsgeschichte der europäischen Einigung fortsetzen.

Für Serbien ist dies die letzte Chance. Das haben viele serbische Wähler verstanden und entsprechend gehandelt.

Der Hamburger ist nach Stationen als Auslandskorrespondent in Moskau, Brüssel und Warschau jetzt Auslandschef des Handelsblatts. Er interessiert sich besonders für Osteuropa, die arabische Welt und Iran.
Mathias Brüggmann
Handelsblatt / Korrespondent

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