Leitartikel
Siemens lernt von Amerika

Dem neuen Siemens-Chef Peter Löscher hätte man einen anderen Auftritt gegönnt: Ausgerechnet zur Präsentation seiner ersten Jahresbilanz im Hause Siemens musste er die unangenehme Wahrheit auf den Tisch legen.
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1,3 Milliarden Euro sind es jetzt, die das neue Siemens-Team um Löscher und Chefkontrolleur Cromme an Bestechungsgeldern identifiziert hat.

Löscher und Cromme, das ist der Vorteil des radikalen Führungswechsels an der Spitze des deutschen Traditionskonzerns, können halbwegs glaubhaft versichern, dass sie den Gipfel des Korruptionsskandals erreicht haben. Entwarnung gibt es für sie nicht: Der Abstieg, das wissen erfahrene Bergsteiger, ist viel gefährlicher als der Aufstieg. Staatsanwälte in aller Welt ermitteln weiter gegen Siemens-Manager. Was da an Strafzahlungen droht, ist noch gar nicht absehbar. Nur in Deutschland hat Löscher einen ersten Ablass über 200 Millionen mit den Strafverfolgern ausgehandelt. Die eigentliche Gefahr droht aus den USA. Deren mächtige Finanzaufsicht SEC kann äußerst schmerzhafte Strafen verhängen. Bei Siemens werden Größenordnungen von einem kompletten Jahresgewinn kolportiert. Das wären mehrere Milliarden Euro.

Dieses Gerücht wird gezielt gestreut. Wohl weil es unbelehrbaren Siemensianern als Mahnung dienen soll: Wehe dem, der sich nicht an die neuen Compliance-Regeln hält. Aber die stetige Drohung mit dem Damoklesschwert SEC reizt zu der Frage: Sind deutsche Staatsanwälte nicht Gefahr genug?

Muss erst ein amerikanischen Compliancesystem zur Kontrolle von Treu und Redlichkeit in einem deutschen Betrieb eingeführt werden, um Anstand und Sauberkeit im Geschäftsleben garantieren zu können? Müssen amerikanische Standards der Unternehmensführung herhalten, um deutschen Managern den rechten Weg durch eine schmutzige globale Welt zu weisen? Müssen erst US-Institutionen mit milliardenschweren Strafzahlungen, dem Entzug der Börsenzulassung oder noch dramatischeren Konsequenzen drohen, um die Führung eines deutschen Top-Konzerns zu bewegen, den eigenen Korruptionsstall auszumisten?

Die Antwort darauf lautet: Ja. Bei Siemens wird radikal aufgeräumt, in amerikanischem Stil. Nicht weil die Federführung der Aktion in Händen einer US-Kanzlei liegt. Die ist nur Mittel zum Zweck, zur Besänftigung der US-Kontrolleure.

Der Grund dafür ist eher die Furcht Crommes und Löschers, dass der Fall Siemens nach deutschen Regeln unlösbar wäre, dass sogar festgestellte Vergehen ungestraft und ohne Konsequenzen bleiben könnten. Schließlich war Bestechung nicht nur bei Siemens ein Kavaliersdelikt. Sie gilt in ganz Deutschland als Mittel der gewöhnlichen Geschäftstätigkeit. Warum sonst waren schwarze Kassen bis vor wenigen Jahren noch steuerlich abzugsfähig?

Was fehlt ist die richtige, die ablehnende Haltung der Meisten gegen Schmiergeldzahlungen. Was fehlt sind schnelle, schmerzhafte und konsequente Strafverfolgung. Diese Lücke füllt das US-Antikorruptionsregime, auch wenn es zuweilen übertreibt. Und diese Lücke nutzen Cromme und Löscher, um das schlingernde Unternehmen Siemens auf neuen Kurs zu bringen. Am Ende wird Siemens so amerikanisch sein wie kaum ein anderer Konzern dieser Republik.

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