Leitartikel
Spieleanbieter in der Pflicht

Weltweit gibt es viele Millionen Kinder und Jugendliche, aber auch Erwachsene, die auf dem Bildschirm mit Vergnügen ihre Gegner abschlachten. Wären Verbote, wie sie seit dem Amoklauf in Emsdetten Anfang der Woche wieder einmal diskutiert werden, ein wirksames Mittel dagegen?

Nein, denn sie würden nichts ändern oder erforderten einen zu hohen Preis. Die erforderliche Kontrolle ist technisch nur schwer zu erreichen. Je effektiver sie sein soll, desto umfangreicher müsste der Eingriff in die persönliche Freiheit vor allem der Internetnutzer sein. Generelle Verkaufsverbote für die Spiele würden sie für Jugendliche erst so richtig interessant machen. So ärgerlich es ist: Die Subkultur der Computerspiele lässt sich nicht mit gesetzlichen Leitplanken in die gewünschte Bahn lenken. Schon seit Jahren zeigt sich, dass Tüftler stets einen Weg finden, um Gesetze zu umgehen. Das gilt für Kopien von Musik, Filmen und Software genauso wie für Computerviren. Um sie zu schlagen, müsste der Staat technisch so weit aufrüsten, dass es dem Prinzip der Verhältnismäßigkeit der Mittel widerspräche.

Internetnutzer sind aber schon jetzt weit über die Spielszene hinaus einer Kontrolle und Überwachung ausgesetzt, die vielen nicht einmal ansatzweise bewusst sein dürften. Schon heute sperren einzelne Bundesländer zahlreiche Webseiten. Und häufig boten Straftaten wie jetzt in Emsdetten den Anlass für neue Einschränkungen. Hinzu kommt, dass mit einem allgemeinen Verbot die Freiheit von verantwortungsbewussten Spielern eingeschränkt würde. Die allermeisten von ihnen trennen aber virtuellen Raum und Realität. Für die Spieleproduzenten darf das allerdings kein Vorwand sein, sich aus der Verantwortung zu stehlen. Auch wenn man nicht mit letzter Sicherheit weiß, ob Killerspiele wirklich Auslöser von Gewalttaten sind: Die Freiheit der Produzenten gilt nicht unbeschränkt. So wie Autos mit Airbag und Kopfstütze ausgestattet sein müssen, sollten auch die Spieleanbieter gewisse Standards einhalten. Nur wenn sich die Unternehmen verantwortungsbewusst verhalten, können sie von der Gesellschaft erwarten, dass ihre Spiele toleriert werden.

Ein erster Schritt wäre es, freiwillig die Altersgrenzen für die Killerspiele zu erhöhen. Die Verbotsdebatte dagegen ist eine bequeme Ablenkung. Langfristig viel wirksamer ist es, zuhause, in Kindergärten und Schulen anzusetzen. Dabei sind vor allem die Eltern gefragt. Schon vom Kindergartenalter an müssen sie ihren Töchtern und Söhnen Grenzen setzen. Der verantwortungsvolle Umgang mit PCs und Spielekonsolen, aber auch mit Handys und dem Fernsehen wird immer wichtiger. Väter und Mütter sollten streng darauf achten, was ihre Kinder mit den elektronischen Medien anfangen. Auch wenn es anstrengend und mühevoll ist: Wegschauen gilt nicht. In zweiter Reihe gefordert sind Kindergärten und Schulen. Mediennutzung muss künftig zum Lehrplan gehören wie Sport oder Musik. Und noch mehr als bisher ist es Aufgabe der Erzieher und Lehrer, ihre Schützlinge im Blick zu behalten und Alarm zu schlagen, wenn die Kids auf die schiefe Bahn geraten.

Joachim Hofer
Joachim Hofer
Handelsblatt / Korrespondent München
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