Leitartikel
Stahlharte Realität

Ulrich Cartellieri hat zu seiner Zeit als Vorstand der Deutschen Bank eine düstere Prognose für seine Branche abgegeben: Sie sei „die Stahlindustrie“ der kommenden Jahre, sagte er – und prägte ein geflügeltes Wort.

Ganz so schlimm wie befürchtet wurde der Arbeitsplatzabbau nicht, aber die Banken haben in der Tat Krisenjahre durchlebt und Jobs gestrichen. Sind nun die Versicherer die Stahlindustrie der heutigen Zeit?

Die Allianz dampft Tausende von Stellen ein. Und der Münchener Konzern hat innerhalb der eigenen Branche viel mehr Gewicht als die Deutsche Bank bei ihren Konkurrenten. Wenn der Marktführer rationalisiert, Arbeitsabläufe strafft und Kosten senkt, färbt das auf die anderen Versicherer ab: Sie schauen traditionell gebannt nach München, um sich an den dortigen Trends zu orientieren.

Im internationalen Vergleich steht die Allianz auch nicht allein da: Die Axa gilt als viel härter. Und sie wird nach der Übernahme der Schweizerischen Winterthur Stellen streichen, vor allem bei den deutschen Töchtern. Der Amerikaner James Schiro, Chef der Zürich-Versicherung, führt seinen Konzern konsequent mit Blick auf die Kapitalmärkte. Und selbst die Generali, in Deutschland stark vertreten über Marken wie Aachener und Münchener und Volksfürsorge, zieht nach langen Jahren einer lässigen Führung die Zügel an.

Im Vergleich zu anderen Branchen, auch zu den Banken, haben die Versicherer ihre gewachsenen Strukturen relativ lange gehalten und damit auch Arbeitsplätze geschützt. Die Branche ist bei der Rationalisierung eher ein Nachzügler. Aber sie kann sich der stahlharten Realität der Kapitalmärkte nicht länger entziehen. Ihr Geschäftsmodell, das lange als unschlagbar stabil galt, trifft dort heute eher auf Skepsis: Bei Krisen, auch Einbrüchen am Kapitalmarkt, müssen die Versicherer leiden. Dagegen sind die Wachstumsaussichten verhalten. Die Anleger wollen daher heute satte Renditen sehen, wenn sie in Versicherer investieren. Und die Branche braucht Kapital wie Luft zum Atmen.

Bedrückend ist der Stellenabbau bei der Allianz dennoch. Vor allem, weil er der verbreiteten Hoffnung widerspricht, mit einem Ausbau der Dienstleistungen lasse sich langfristig der Jobschwund der großen Industriekonzerne ausgleichen. Doch wirklich gute Chancen bietet auch der Dienstleistungssektor in erster Linie für Hochqualifizierte: Neben den Versicherern haben heute etwa auch Banken und Vermögensverwalter Jobs für Mathematiker; Asset-Management ist eine eigene Wissenschaft geworden. Im Bereich der standardisierbaren Verwaltungsjobs sind dagegen auch in der Finanzbranche viele Stellen nicht zu halten. Ohne konsequente Modernisierung und Konzentration auf Qualität geht es nicht. Das gilt für die Finanzbranche genauso wie für die Stahlindustrie.

Einen Lichtblick gibt es aber: Die Finanzbranche bietet im Vertrieb immer wieder Chancen für neue Jobs. Gerade die harte Konkurrenz zwingt die Branche, immer aktiver und kreativer auf den Kunden zuzugehen. Auch in diesem Bereich gilt allerdings: Die Anforderungen an die Qualität steigen.

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