Leitartikel
Starker Arm der Lokführer

Selbst stramme Gewerkschaftsideologen hatten die alte Parole der Arbeiterbewegung eigentlich schon ad acta gelegt: „Wenn dein starker Arm es will, stehen alle Räder still!“
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Doch nun verhilft ihr ausgerechnet die bis dato vornehm-koservative Lokführergewerkschaft GdL zu neuer, sinnbildlicher Aktualität: Lokführer können eiserne Räder zum Stehen bringen. Und sie scheinen entschlossen, bei der Deutschen Bahn eine Bezahlung durchzusetzen, die genau diesen Kräfteverhältnissen entspricht – da mögen sich andere unter dem Druck des globalen Wettbewerbs zu tarifpolitischen Pragmatikern wandeln.

Je näher man den Kampf der GdL betrachtet, desto weniger hat er freilich mit den Gründungsmythen der Arbeiterbewegung zu tun. Er folgt vielmehr den aktuellen Vorbildern von Lufthansa-Piloten, Fluglotsen und Krankenhausärzten. Der Kampf all dieser Berufsgruppen richtet sich letztlich gegen hergebrachte Prinzipien gewerkschaftlicher Solidarität. Die GdL will einen separaten Tarifvertrag mit deutlich höheren Gehältern für das Fahrpersonal und stellt dabei ihre besondere Durchsetzungsmacht gegen die der anderen Eisenbahner-Gewerkschaften Transnet und GDBA. Sie nimmt in Kauf, dass das Personalbudget der Bahn notfalls auch zu Lasten anderer Beschäftigtengruppen im Unternehmen umverteilt wird.

Nun mag es gute Gründe geben, die heutige Bezahlung der Lokführer für zu niedrig zu halten. Das Solidarprinzip in der Tarifpolitik hat nun einmal in aller Regel eine nivellierende Wirkung. Die Beschäftigten am unteren Ende der Lohnskala profitieren davon, dass ihre Kollegen am oberen Ende weniger verdienen, als sich mutmaßlich bei einer rein an Markt- und Produktivitätsverhältnissen orientierten Entlohnung ergeben würde.

Die spannende Frage ist, was es für die Lohnfindung generell bedeutet, wenn sich das Prinzip der Berufsgewerkschaft weiter etabliert. Es gibt interessante Parallelen zu den von Arbeitnehmervertretern viel beklagten Umbrüchen in den Unternehmen: Auch mit Blick auf eng spezialisierte Gewerkschaften könnte man von einer Art Portfolio-Optimierung sprechen, wenn die Arbeitnehmerorganisationen sich auf ihre profitabelsten Bereiche konzentrieren.

Der Haken bei dieser Analogie ist, dass das Mittel des Arbeitskampfs die Marktverhältnisse verzerrt. Es ist eben nicht die Qualität ihres Produkts, sondern ihre besondere Streikmacht, die Berufsgewerkschaften zum – notgedrungen – bevorzugten Vertragspartner des Arbeitgebers macht.

Man konnte zwar schon bisher bezweifeln, ob die deutsche Form der Tarifpolitik zu einem fairen gesellschaftlichen Interessenausgleich führt. Sicher aber werden die Perspektiven unter einem Regime der Berufsgewerkschaften nicht besser. Wer die Tarifautonomie als Instrument des Interessenausgleichs bewahren will, sollte daher prüfen, wie breit eine Gewerkschaft aufgestellt sein muss, um überhaupt das volle Streikrecht beanspruchen zu dürfen.

Das Bundesarbeitsgericht hat das Streikrecht gerade erst wieder ausgeweitet und „Solidaritätsstreiks“ von Arbeitnehmern erlaubt, die von einem Tarifkonflikt gar nicht betroffen sind. Man darf gespannt sein, welche Sensibilität es künftig im Umgang mit dem Phänomen Berufsgewerkschaft zeigt.

Dietrich Creutzburg
Dietrich Creutzburg
Handelsblatt / Korrespondent

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