Leitartikel
Tag der Wahrheit

Nach vier Tagen Brauchtumspflege durch Warnstreiks und Protestkundgebungen wird es nun Zeit, dass sich die IG Metall zu ihren Zielen bekennt: Sucht sie in dieser Metall-Tarifrunde die ultimative Machtprobe?

Will sie den Konflikt gar in den Dienst der Linkspartei und jener Teile der SPD stellen, die auf eine grundlegend neue gesellschaftliche Kräfteverteilung hoffen, dafür im Parlament aber keine Mehrheiten haben? Oder bemüht sie sich doch noch um das nötige Augenmaß, ohne das der Flächentarif seine sensible Balance endgültig verlöre?

Die morgigen Verhandlungen in Sindelfingen werden unweigerlich eine Antwort bringen. Sollte sich die Gewerkschaft wieder nicht bereit finden, glaubwürdig ihre Kompromissbereitschaft zu dokumentieren, bliebe nur der Schluss, dass es ihr diesmal um etwas anderes als tarifpolitischen Interessenausgleich geht. Immerhin haben die Arbeitgeber schon im März mit einem echten Angebot auf die Lohnforderung von 6,5 Prozent reagiert. Und sie haben inzwischen obendrein signalisiert, dass die damals skizzierte Marke von drei Prozent nicht das Ende der Fahnenstange sei. Dagegen hatte die IG Metall außer Streikdrohungen bisher wenig zu bieten.

Ein gravierendes Problem der Metall-Tarifrunde 2007 besteht indes darin, dass sie unter tätiger Mithilfe der großen Koalition – zumal der SPD – mit völlig unsachgemäßen Erwartungen aufgeladen wurde. Die Argumentationslinien sind atemberaubend: Da ist zum einen der politische Versuch einer wirksameren Bekämpfung der Langzeitarbeitslosigkeit zu einer heillosen Mindestlohn-Debatte degeneriert. Weil die aber wiederum nicht so recht vorankommt, wächst der Erwartungsdruck, dass doch bitte die Metall- und Elektroindustrie als wichtigster Wirtschaftszweig über ihre Lohnpolitik die gefühlte Gerechtigkeitslücke schließen möge.

Zum anderen ist die Rede davon, wie viel die im Durchschnitt der Branchen moderate Lohnpolitik der vergangenen Jahre zum aktuellen Beschäftigungsaufschwung beigetragen habe. Doch schon im nächsten Satz wird genau daraus die Folgerung abgeleitet, dass nun endlich wieder kräftige Tariferhöhungen an der Reihe seien, erst recht und vor allem für Metaller.

Diese der Stimmung folgende Logik hat viele Defizite. Zwei wichtige Fakten sprechen gegen sie: In kaum einer Branche ist das Tarifniveau höher, gibt es weniger Niedriglohnbeschäftigte als in der Metall- und Elektroindustrie. Und: In kaum einer Branche gab es in den vergangenen Jahren stärkere Tariferhöhungen. Wenigstens das sollte Verteilungstheoretikern zu denken geben: Abseits aller ökonomischen Einwände wären kräftig beschleunigte Tariferhöhungen für Metaller auch noch völlig ungeeignet, das Gerechtigkeitsgefühl von Telekom-Beschäftigten oder sächsischen Friseurinnen zu heben.

Dass tarifpolitische Weitsicht der IG Metall derzeit nicht leicht fällt, ist nachvollziehbar. Trotzdem sollte sie sich allein aus Eigeninteresse nicht zu weit treiben lassen. Kurzfristig wäre sie wohl stark genug, den Arbeitgeberverbänden ihren Willen aufzuzwingen. Doch die Optionen der Betriebe – Austritt aus der Tarifbindung, Outsourcing, Produktionsverlagerung – sind zu vielfältig, als dass eine kurzsichtige Machtdemonstration folgenlos bliebe. Auch die Macht der IG Metall steht und fällt mit einem funktionierenden Flächentarif.

Dietrich Creutzburg
Dietrich Creutzburg
Handelsblatt / Korrespondent
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