Leitartikel
Unangenehme Fragen

Gerhard Cromme hat die Hintergründe für den erzwungenen Rückzug von Siemens-Chef Klaus Kleinfeld nachgereicht. Sind wir jetzt schlauer? Nicht wirklich. Zwar verweist der neue Aufsichtsratschef des Münchener Konzerns auf „ernste Bedenken der US-Behörden“ und spricht von „potenziell schwer wiegenden Risiken“ für Siemens durch die Korruptionsaffäre. Aber Cromme räumt auch ein, dass keine Erkenntnisse über ein Fehlverhalten von Kleinfeld vorlägen. Zwischen diesen beiden Aussagen klafft noch eine riesige Erklärungslücke. Crommes Ausführungen lassen nur den Schluss zu, dass der Aufsichtsrat in vorauseilendem Gehorsam seinen Vorstandschef geopfert hat, um die Börsenaufsicht SEC und das US-Justizministerium zu besänftigen. Seht her, so das Signal nach Washington, wir räumen richtig auf! Zugleich wird der Eindruck erweckt, Siemens habe keine andere Wahl gehabt, als gegenüber den mächtigen US-Aufsehern in Vorleistung zu treten. Nach dem Motto: Wir hätten Kleinfeld ja gern gehalten, aber die SEC will Köpfe rollen sehen. Doch das wird Cromme & Co. nach dem unrühmlichen Schauspiel kaum je-mand abnehmen.

Dennoch lässt sich die Begründung des Aufsichtsrats nicht so leicht vom Tisch wischen. So haben auch andere Unternehmen die SEC durch die Auswechslung ihres Top-Managements besänftigt. Die Börsenaufsicht gibt den Firmen in einem Katalog von 13 Punkten sogar einen Leitfaden an die Hand, wie das Strafmaß gemildert werden kann. Ganz oben stehen Kooperation bei der Aufklärung, erkennbarer Wille zur Erneuerung und personelle Konsequenzen im Management. Das heißt jedoch nicht, dass die SEC oder das Justizministerium während noch laufender Ermittlungen auf die Ablösung eines bislang unbescholtenen Vorstandschefs drängt. Das widerspricht nicht nur Amerikas Rechtskultur, sondern auch den Erfahrungen von US-Anwälten. Die Erklärung Crommes deutet jedoch auch darauf hin, dass der Aufsichtsrat den Eindruck gewonnen hatte, die SEC würde Kleinfeld die Aufklärung des Skandals und die Erneuerung des Konzerns nicht mehr zutrauen.

Das ist ein heikler Punkt. Nicht nur, weil der Wille zur Erneuerung für die US-Börsenaufsicht von hoher Bedeutung ist, sondern auch, weil die Siemens-Führung in der Korruptionsaffäre den Enthüllungen viel zu lange hinterhergelaufen ist. Das gilt aber nicht nur für Kleinfeld und den früheren Aufsichtsratschef von Pierer. Auch Cromme und sein Stellvertreter Josef Ackermann von der Deutschen Bank müssen sich fragen lassen, ob sie ihre Pflichten ausreichend erfüllt haben. Beide sitzen seit Jahren im Kontrollgremium des Konzerns, Cromme leitet sogar den wichtigen Prüfungsausschuss. US-Experten für Corporate Governance sagen deshalb voraus, dass sowohl die SEC als auch die Siemens-Aktionäre als Nächstes die Rolle der übrigen Aufsichtsräte unter die Lupe nehmen werden. Die amerikanischen Aufsichtsbehörden werden sicher nicht den Abgang der gesamten Konzernführung fordern. Aber sie werden unangenehme Fragen stellen – und möglicherweise ernste Bedenken äußern. Man darf gespannt sein, wie der Siemens-Aufsichtsrat dann darauf reagieren wird.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
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