Leitartikel
Verleugnete Reformrendite

Machen wir uns nichts vor: Die Rufe nach staatlichen Höchstgrenzen für Managergehälter und Abfindungen sind kein Spuk kurz vor Jahresende.
  • 0

Eher sind sie ein Vorbote dessen, was kommen könnte: der große Pendelschwung zurück von mehr Markt zu mehr Staat. Wer nach Westen blickt, sieht Anzeichen dafür. Die US-Regierung setzt mal eben Marktgesetze außer Kraft, indem sie par ordre du mufti bestimmt, welche Zinsen bei Hypotheken zulässig sind. Vertragsfreiheit war gestern, heute geht es um den Schutz der Häuslebauer! Der rabiate staatswirtschaftliche Eingriff zeigt, welchen Preis eine lange schwelende Debatte über das angebliche Fleddern der Mittelschicht dort fordert.

Näher an Deutschland, zeigen unsere niederländischen Nachbarn, die in gesellschaftspolitischen Fragen meist als Trendsetter wirken, was angesagt ist: Dort hat die Große Koalition soeben beschlossen, dass es keine Privatisierungen mehr geben wird. Der Staat hält an seinem Eigentum von der Bahn bis zu Flughäfen fest. Nicht nur das: Er werde künftig als aktiver Aktionär auftreten, die Entlohnungspolitik bestimmen und in regulierten Monopolen „gesellschaftliche Interessen“ wahrnehmen, sagt der Finanzminister. Wie lange werden SPD und CDU wohl brauchen, um ihre niederländischen Kollegen zu imitieren? Das Eifern gegen ausländische Staatsfonds haben sie ihnen schon abgeschaut.

Es wäre deshalb naiv, anzunehmen, in Deutschland ginge es jetzt nur um eine Sachdiskussion über angemessene Managervergütungen. Es geht um veränderte Stimmungen und darum, ob die Politik sie verstärkt oder dagegenhält.

Dabei ist klar, dass Politiker Rücksichten nehmen müssen. Der Unterschied zwischen dem Papst und einem Spitzenpolitiker ist, dass Ersterer bekanntlich immer recht hat, sich allerdings auch nie einer Wahl stellen muss. Politiker dagegen sind auf den mühseligen Erwerb von Mehrheiten angewiesen, ausgehend von gesellschaftlichen Grundströmungen. Wenn Politiker gut sind, nutzen sie diese für vorwärts weisende Initiativen, sind sie schlecht, geben sie nur dem Affen Zucker. Im Moment passiert eher Letzteres.

Selbst wenn man gesetzliche Grenzen für Managergehälter festlegen könnte – was weder möglich noch gar sinnvoll ist: Welchem Arbeitnehmer nützte das? Stellt ein Opel-Arbeiter sich besser, wenn Post-Chef Zumwinkel keine Aktien verkaufen darf? Verbessert haben sich die Chancen der Arbeitslosen wie der Beschäftigten allein durch die Reformen der vergangenen Jahre, durch eine unternehmensnahe Lohnpolitik und Innovationen in den Betrieben. Verbessert haben sie sich durch Eingriffe in die Rente, geringere Abgaben und Steuern. Diese beschäftigungsfreundliche Politik baut gerade die Ungleichheit ab, die jetzt beklagt wird. Doch Manager und Verbände haben der Politik die Arbeit überlassen, dafür zu werben. Seit Alfred Herrhausen hat sich kein Wirtschaftsführer mehr für die Niederungen gesellschaftlicher Debatten zuständig gefühlt.

Soll die Stimmung nicht weiter abrutschen, aus Mindestlohn und Managerschelte kein genereller Rollback werden, brauchen wir auch wieder weniger Zumwinkel und mehr Herrhausen. Es gibt eine Reformrendite für alle. Aber sie erklärt sich nicht von selber.

Thomas Hanke
Thomas Hanke
Handelsblatt / Korrespondent in Paris

Kommentare zu " Leitartikel: Verleugnete Reformrendite"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%