Leitartikel
Versuchung und Versagen

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Zwei wankende Banken binnen weniger Wochen, die mit Milliardensummen vor dem Zusammenbruch bewahrt werden müssen – die deutsche Kreditwirtschaft befindet sich in einer dramatischen Krise, über deren mögliche Eskalation man am liebsten nicht nachdenken möchte. Doch genau das ist dringend nötig: Alle Bank- und Sparkassenvorstände, alle Kontrolleure, Bilanzprüfer, Analysten und Aufsichtsräte müssen sich endlich einen umfassenden Überblick über die wahre Risikolage aller Institute verschaffen und konkrete Handlungsoptionen erarbeiten. Die Zeit des Verharmlosens und Aussitzens muss beendet werden. Es geht um Glaubwürdigkeit und Handlungsfähigkeit einer Branche, deren Funktionieren für die gesamte Volkswirtschaft von existenzieller Bedeutung ist. Und es geht letztlich um die Stabilität des deutschen Finanzsystems.

Es ist schier unfassbar, was der Düsseldorfer IKB vor drei Wochen und nun der Leipziger SachsenLB passierte. Beide Banken drehten für ihre Verhältnisse ein viel zu großes Rad in Bereichen fern des Kerngeschäfts, in denen sie sich nicht gut genug auskannten, und beide Vorstände hatten offenbar das Risikomanagement nicht wirklich im Griff: Leichtsinnige Provinzbanker rutschen auf dem internationalen Parkett aus und benötigen jetzt, im schlimmsten Fall, staatliche Unterstützung. Oder, im besten Fall, das Geld, das bisher etwa zur Finanzierung des Mittelstands eingeplant war. Kernfunktion jedes Bankers ist das Risikomanagement. Banken verdienen traditionell mit der Bewertung von Risiken ihr Geld. Viele deutsche Banker sind in den letzten Jahren ungewöhnlich hohe Risiken eingegangen, weil sie in Zeiten niedriger Zinsen kaum noch von der Zinsdifferenz zwischen Ein- und Auslagen sowie kurz- und langlaufenden Investments leben konnten. Dazu gehören Kredite an Finanzinvestoren und Hedge-Fonds, die eine außerordentlich hohe Rendite versprechen, genauso wie Tranchen verbriefter Kreditpakete, wie sie jetzt in den USA plötzlich zum Ladenhüter geworden sind. Kaum ein deutscher Banker hat der Versuchung widerstanden, das eigene Geschäftsergebnis derart zu verbessern. Daher müssen jetzt alle klären, wie tief sie drinhängen.

Die deutschen Kreditinstitute hätten es viel einfacher, wenn die Branche nicht so zersplittert, so ertragsschwach und in drei strikt getrennte Säulen aus Sparkassenlager, Privat- und Genossenschaftsbanken aufgeteilt wäre. Der Verzicht von zwei Dritteln des Marktes auf eine angemessene Kapitalrendite schwächt alle drei Säulen. Deshalb muss angesichts der aktuellen Krise jetzt auch die Politik erkennen, dass alle Schranken abgebaut werden müssen, die den Konsolidierungsprozess unter den Banken hinauszögern. Ganz konkret bedeutet das: Das Land NRW sollte endlich Realismus walten lassen und die Fusion von WestLB und LBBW freigeben, womit eine neue, starke Großbank entstehen würde. Die kriselnde SachsenLB sollte gleich mitkassiert werden. Und der Bund sollte die staatseigene KfW animieren, ihren unglücklichen IKB-Anteil zu verkaufen, für den es ja viele Bewerber gibt. Das wäre immerhin ein Anfang, um den Rückstand der deutschen Banken auf der internationalen Bühne zu reduzieren. Langfristig aber geht an der Aufweichung des Drei- Säulen-Prinzps kein Weg vorbei.

Hermann-Josef Knipper
Hermann-Josef Knipper
Handelsblatt

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