Leitartikel
Wissen für die Praxis

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Das gab es nicht oft, dass in einem Jahr gleich zwei Nobelpreise an deutsche Naturwissenschaftler verliehen wurden. Das ist ein Glücksfall für die Forschung in Deutschland. Mit den Physikern Peter Grünberg und Gerhard Ertl werden zwei herausragende Grundlagenforscher geehrt, deren Erkenntnisse nicht nur die Wissenschaft beflügelt, sondern die zu Techniken geführt haben, die neue Produkte und Verfahren erst möglich gemacht haben. Grünberg hat die physikalischen Gesetzmäßigkeiten im Mikrokosmos von Metallen erkundet und damit die Basis für die riesigen Datenspeicher in heutigen Computern gelegt. Und Ertls Neugierde ist es zu verdanken, dass Chemiker heute viel besser verstehen, welche Reaktionen sich an den Oberflächen von Substanzen abspielen. Mit diesem Wissen haben sie Stoffe entwickelt, so genannte Katalysatoren, mit denen chemische Reaktionen viel gezielter ablaufen, mit viel weniger Energie und weniger Abfallprodukten.

Der Erfolg der beiden Nobelpreisträger erfüllt nicht nur viele deutsche Politiker in diesen Tagen mit Stolz, sondern gibt vor allem Wissenschaftern an den Hochschulen Auftrieb, die sich wie Grünberg und Ertl mit der Erforschung wissenschaftlicher Grundlagen beschäftigen. Und das zu Recht, denn viele von ihnen forschen in ihren Bereichen weltweit ganz vorne mit. Auch wenn beispielsweise immer wieder beklagt wird, dass deutsche Biotech-Firmen im internationalen Wettbewerb nicht mithalten könnten, deutsche Biotech-Forscher gehören zur Spitze. Das gleiche gilt für die Nanotechnik, Medizin, Optoelektronik, Stammzellenforschung und einiges mehr.

Allerdings gelingt es leider nur selten, die Spitzenposition zu nutzen und den Vorsprung in Spitzenprodukte umzuwandeln. Nicht deutsche Unternehmen vermarkten die tolle Speichertechnik für die Computer, sondern Firmen aus Amerika und Asien. Um den Technologietransfer zu verbessern, gibt es in Deutschland zahlreiche Initiativen. Sie reichen von der gezielten Förderung einzelner viel versprechender Projekte bis hinzu zu einem Zwang für Hochschulen, neben dem Erkenntnisgewinn auch intensiver an mögliche Produkte zu denken und früher mit der Wirtschaft zu kooperieren. Die Zukunft wird zeigen, ob diese Lenkung funktioniert. Ein Versuch ist es auf jeden Fall wert.

Die beiden Nobelpreise für die deutschen Forscher mahnen jedoch auch, bei allem wirtschaftlichen Denken nicht die freie Forschung zu vernachlässigen. Ertl konnte seine Untersuchungen nur durchführen, weil sein Institut mit neuester Technik ausgestattet war. Er konnte bei seiner Arbeit teure Apparate wie eine Vakuumkammer und ein Elektronenmikroskop nutzen und in einem Reinraum arbeiten. Ähnliches gilt für seinen Kollegen Grünberg. Das muss auch in Zukunft möglich sein, wenn deutsche Forscher ihre Spitzenposition im internationalen Wettbewerb halten sollen. Die Politik ist mit der Exzellenzinitiative auf dem richtigen Weg. Sie garantiert, dass herausragende Universitäten des Landes ausreichend Geld für Personal und technische Geräte erhalten und weiter wegweisende Dinge erforschen können. Die Kooperation der Forscher untereinander soll Ideen für Anwendungen bringen. Hoffentlich gelingt es.

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